OCINN im Interview (2/2)

Ocinn wurde 2007 gegründet, 2020 veröffentlichte sie ihr erstes Album. Wir setzen unser Interview mit Nico über ihr außergewöhnliches Projekt und das neue Album „Nebelgeister“ fort. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.
Orkus: Was löst Nebel in dir aus?
Nico: Ich finde, Nebel trägt eine ganz besondere Atmosphäre in sich, etwas Schönes, Düsteres, Melancholisches, aber auch Romantisches. Er kann sanft und vertraut wirken und erinnert mich an meine Heimat. Gleichzeitig kann er aber auch bedrohlich, kalt und unheimlich erscheinen, als würde man sich in ihm verlieren oder verirren. Gerade dieses Wechselspiel fasziniert mich und macht den Nebel für mich so besonders.
O: Lebst du selbst in einer Gegend mit viel Nebel? Eher ländlich?
N: Ich bin in einem Dorf neben einer kleinen Stadt im Süddeutschen Raum aufgewachsen. Es gibt hier viele Wälder und im November beginnt eine regelrechte Nebelzeit. Der Nebel begleitet mich seit meiner Kindheit und spiegelt somit auch die Verbundenheit zu meiner Heimat und meinen Wurzeln wider.
O: „Ich eile ins Nichts“ und „Im Reich der Nebelgeister“ sind geprägt von flüsterndem Text. Da gab es Hilfe von Gästen? Erzähl doch bitte mal.
N: Neben der Musik schreibe ich auch Gedichte. Während der Recherche für das Album habe ich mich wieder intensiver mit Lyrik beschäftigt und in dieser Zeit viele Texte geschrieben. Daraus entstand schließlich die Idee, erneut Stücke mit gesprochenem oder gesungenem Text zu vertonen. Bereits auf meinem Album „The Forest“ hatte ich zusammen mit John Never eines meiner Gedichte vertont und diesen Ansatz wollte ich für „Nebelgeister“ wieder aufgreifen. John Never ist ein guter Freund von mir, mit dem ich bereits zuvor zusammengearbeitet habe. Er ist ein großartiger Musiker und unter anderem in Bands wie „Dethroned“ oder „Neocortex“ aktiv. Als er die Klaviermusik von „Nebelgeister“ hörte, fühlte er sich sofort zu einem eigenen Text inspiriert und fragte mich, ob er etwas dazu schreiben dürfe. So entstand der Text zu „Ich eile ins Nichts“, den er auch selbst eingesungen hat. Für mich war es ein besonderer Moment im kreativen Prozess zu erleben, dass meine Musik wiederum seinen Text inspiriert hat. Für meinen eigenen Text „Im Reich der Nebelgeister“ habe ich W.K. von der österreichischen Band In Dornen gefragt, ob er ihn für mich einsprechen würde. Wir haben bereits mehrfach an Projekten zusammengearbeitet. Auf seinen Alben „Trauer“ und „Vergänglichkeit“ habe ich beispielsweise mit meiner Klaviermusik mitgewirkt. Als ich den Text fertiggestellt hatte, war mir sofort klar, dass W.K. die richtige Stimme dafür sein würde. Noch immer bekomme ich Gänsehaut, wenn ich seine Stimme über der leichten Klaviermelodie höre. In seiner Interpretation hat er die Stimmung und das Gefühl des Textes für mich perfekt eingefangen.
O: Die übrigen Stücke sind ausschließlich vom Klavier geprägt, das eine besonders düstere Atmosphäre schafft. Wie entsteht ein solches Instrumental?
N: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal entstehen beim Komponieren Bilder in meinem Kopf, manchmal sind es Eindrücke aus der Natur oder aus meiner Umgebung, die etwas in mir auslösen und den kreativen Prozess anstoßen. Bevor ich mit dem Komponieren beginne, spiele ich mich oft erst einmal mit bestehenden Stücken aus meinem eigenen oder auch aus fremdem Repertoire ein. Danach beginne ich zu improvisieren. Aus diesen Improvisationen entstehen meist die ersten Fragmente eines neuen Stückes. Wenn dabei eine Melodie, einzelne Töne oder Akkorde entstehen, die mich besonders berühren und etwas in mir auslösen, greife ich diese auf und arbeite sie weiter aus. So entwickelt sich nach und nach ein Stück. Die Eindrücke, die ich während meiner Recherche, in der Natur oder allgemein in verschiedenen Lebensphasen sammle, fließen dabei immer in meine Kompositionen ein. Dadurch sind meine Stücke sehr persönlich und emotional.
O: Du hast auch die Musik für ein Game geschrieben, „Fake Attack“. Wie kam es dazu und wie hast du dich da hineingedacht?
N: Das Game „Fake Attack“ ist Teil des Gesamtkunstwerks „Invasion“ der Künstlerin Nezilla. Wir haben bereits mehrfach zusammengearbeitet. So habe ich mit meiner Klaviermusik unter anderem zu den Soundtracks ihrer Kunstwerke „Kunst gegen Missbrauch“ und „Paperbomb“ beigetragen. Wir verstehen uns dabei oft auch ohne viele Worte, was unsere Zusammenarbeit sehr besonders macht. Vielleicht arbeiten wir gerade deshalb so gerne miteinander. In diesem Zusammenhang fragte sie mich schließlich, ob ich auch ein Stück für das Computerspiel schreiben könnte. Für dieses Projekt habe ich mich intensiv mit dem Synthesizer beschäftigt und die Melodie zunächst auf einem analogen Synthesizer komponiert, bevor ich sie digital eingespielt habe. Dabei musste ich oft an die Game- und 8-Bit-Musik aus meiner Kindheit und Jugend denken. Später hat unser gemeinsamer Freund Nils Lesser den Beat daruntergelegt und den Song damit komplett gemacht. Für mich war das eine wirklich spannende und bereichernde Erfahrung.
O: Gibt es besondere Orte, die dich inspirieren, oder musst du dich in einer besonderen Stimmung versetzen?
N: Ich lasse mich sehr gerne von der Natur inspirieren. Besonders im Wald, am Wasser oder in den Bergen. Durch meine Wurzeln im süddeutschen und norditalienischen Raum habe ich einen engen Bezug zur Natur und bin von beeindruckenden Landschaften umgeben, die immer wieder eine große Inspirationsquelle für mich sind. Gleichzeitig lasse ich mich auch von meiner eigenen Gefühlswelt tragen. Alles, was ich erlebe, Eindrücke, Begegnungen oder Ereignisse, die während oder auch vor einer Schreibphase stattfinden fließen in meine Musik ein und werden zu einer wichtigen Quelle der Inspiration.
O: Würdest du dich selbst als melancholisch bezeichnen?
N: Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich eine melancholische Seite habe. Melancholie, ebenso wie das Düsterere, übt schon immer eine besondere Faszination auf mich aus. Ich fühle mich zu melancholischen, romantischen und auch dunkleren Stimmungen hingezogen, ganz gleich ob sie in Musik, Filmen, Bildern oder Geschichten zum Ausdruck kommen. Diese Welt hat mich bereits seit meiner Kindheit tief beeindruckt und begleitet mich bis heute.
O: Und zuletzt noch eine Aussicht auf die Zukunft: Was ist da geplant? Könntest du dir vorstellen, Ocinn auch live aufzuführen?
N: Derzeit arbeite ich an einem neuen Projekt, in dem der Bass eine größere Rolle spielen wird, auch wenn das Klavier weiterhin ein wichtiger Bestandteil bleiben soll. Dabei möchte ich meine Kompositionen auf dem Bass stärker weiterentwickeln. Das Projekt befindet sich noch ganz am Anfang, aber mein Ziel ist es, in Zukunft vermehrt mit Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Genres zusammenzuarbeiten. Mehr kann ich im Moment allerdings noch nicht verraten. Was das Klavier betrifft, bin ich natürlich weiterhin fleißig am Komponieren, das nächste Ocinn-Album befindet sich bereits im Entstehungsprozess. Live-Auftritte sind derzeit noch nicht geplant, zumindest noch nicht.
Claudia Zinn-Zinnenburg
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