DAMIEN CAIN im Interview (1/2)

Damien Cain hat in seiner mehr als 30-jährigen musikalischen Vergangenheit die unterschiedlichsten Projekte realisiert. Mit seinem aktuellen Album „Standarte“ meldet er sich zurück. Wir sprechen mit ihm über Sehnsucht, Melancholie, das Arbeiten mit einem Idol, sein Leben in Irland und vieles mehr.
Antrieb, Sehnsucht, Melancholie
Orkus: Beginnen wir doch am Anfang. Du hast schon früh mit Musik und deiner ersten Band angefangen, oder? Was war damals ausschlaggebend dafür, dass du dich musikalisch ausdrücken musstest?
Damien Cain: Tatsächlich hat alles mit 14 angefangen, als ich, inspiriert von Shakespeare im Englischunterricht, meine ersten Gedichte geschrieben habe. Zunächst ging es mir darum, die Technik vom Dichten zu verstehen und zu erlernen, aber ich habe schon bald gemerkt, dass ich so Gefühle und Gedanken ausdrücken kann, die mir poetisch verpackt leichter gefallen sind, als sie jemandem direkt ins Gesicht zu sagen. Antrieb war immer eine gewisse Sehnsucht und Melancholie, die mich mein Leben lang begleitet hat. Zwei Jahre später hat ein Schulfreund eines meiner Werke gelesen und meinte, „das ist kein Gedicht, das ist ein Songtext!“ – Er spielte Klavier, schon damals richtig gut, komponierte Musik zu dem Gedicht und das Ergebnis fanden wir so toll, dass wir beschlossen haben, eine Band zu gründen. Und Dirk, der Klavierspieler (später Keyboarder) meinte, es gäbe natürlich niemand sonst, der diese Texte vernünftig interpretieren könnte außer mir, also musste ich mein erstes Mikro kaufen. Die erste Band, Celtic Crypt, war geboren und hatte 1988 ihren ersten öffentlichen Auftritt. Rückblickend würde ich sagen, dass wir schon sehr früh etwas gemacht haben, das man später Emo genannt hat – gepaart mit Gothic-Atmosphäre.
Kompromisslos
O: Du hast zahlreiche interessante Projekte realisiert, unter anderem ein Musical und eine Irish-Folk-Band. Dann hat es dich in Richtung Gothic und Metal gezogen mit Cain, und nun mit einem frischen, offenen Stilmix kommst du als Damien Cain zurück. Gab es ein ausschlaggebendes Ereignis, das dich in diese Richtung „zurückgebracht“ hat?
DC: Rock der härteren Gangart war immer mein Ding, aber ich war immer offen für Musikgenres aller Art, von Mainstream bis experimentell. Und ich denke, genau das spiegelt die neue Platte wieder: diesmal bin ich es selbst, der die Hand am Steuer der Musik hat und ich konnte meine Texte in die Musik übersetzen, die mir beim Schreiben vorschwebte. Verstehe mich nicht falsch, mir hat die Arbeit an Songs mit meinen Bandkollegen oder befreundeten Komponisten immer viel Spaß gemacht und das bringt auch eine Menge kreativen Input, aber es ist halt immer auch ein Kompromiss. – Es war einfach an der Zeit für ein kompromissloses Album.
Leben, Tod, Trauer
O: Was verbindet dich persönlich mit der düsteren Szene?
DC: Dracula! Mit sechs Jahren, meine Eltern waren nicht zuhause, sah ich spätabends den ersten Hammer-Film mit dem großartigen Christopher Lee. Ich habe mir zwar vor Angst fast in die Hose gemacht und konnte nächtelang nicht schlafen, aber ich war fasziniert von der düsteren Welt, irgendwo in einem viktorianisch anmutenden Land angesiedelt. Das hat Spuren hinterlassen (offensichtlich) – Themen wie Leben, Tod, Trauer, Einsamkeit und Sehnsucht haben mich fortan beschäftigt und waren meine Wegbereiter in die Dunkelheit. Schließlich kam noch die Musik dazu, The Mission, Sisters, Fields of Nephilim haben mir beim Zuhören das Gefühl gegeben, dass meine Gedanken und Gefühle hier ausgedrückt werden.
Arbeiten mit einem Idol
O: Du hast auch den Song „Elenore“ geschrieben, der vom unvergleichlichen Sir Christopher Lee gesungen wurde. Wie ist denn das „passiert“?
DC: Wie gerade erwähnt, Christopher ist definitiv Held meiner Kindheit und Jugend. Es war solch eine Ehre und eines der außergewöhnlichsten Erlebnisse meines Lebens, mit dem großartigen Künstler zusammenarbeiten zu dürfen. Ich war damals Teil des Projekts „Edgar Allan Poe: Visionen“, Schauspieler und Bands feierten die Gedichte und Geschichten des Autors (u. a. Alexander Veljanov, Subway to Sally, FM Einheit und auch L‘Âme Immortelle waren daran beteiligt). Wir konnten Christopher Lee überreden, die englische Originalversion vom Gedicht „Der Rabe“ einzusprechen. Als wir mit ihm in den legendären Townhouse Studios in London aufgenommen haben kamen wir ins Plaudern und erfuhren von seiner Liebe zur Oper und auch, dass er selbst schon Opern gesungen hat. Da gab es natürlich nur eine Frage, die wir anschließen konnten: „Würdest Du auch für uns singen?“ – Er sagte sofort zu und zusammen mit den Komponisten Simon Bertling und Christian Hagitte schrieben wir „Elenore“ für ihn und nahmen den Song ein paar Monate später mit ihm auf. Anlässlich seines zehnten Todestages habe ich den Song im Sommer 2025 wiederveröffentlicht.
Fokus
O: Setzen wir den Fokus auf das neue Album „Standarte“. Warum wurde dieser Song der Albumtitel, und wie ist er entstanden?
DC: Standarte ist eine Art Fortsetzung des vermutlich wichtigsten Songs der Celtic-Crypt-Ära, „Wallenstein“. Damals ein leicht provokantes Antikriegslied, mit komplexer Songstruktur in über 7 Minuten Spielzeit und von mir zum ersten Mal mit gemischtsprachigen Lyrics (deutsch/englisch). Inspiriert war der Song von dem Gemälde „Christ of Saint John of the Cross“ von Salvador Dali, wiederum ein Künstler, den ich sehr schätze. Wallenstein als Kriegsherr im 30-jährigen Krieg stand nur Pate für die Idee des Songs, der Name taucht im Lied nicht auf. Das tut er aber nun in „Standarte“. Die Welt ist nicht besser geworden in den letzten 30 Jahren. Aber meine Sicht auf die Dinge vielleicht etwas erwachsener. Stilistisch bin ich der Zweisprachigkeit im Songtext treu geblieben, inhaltlich knüpft es an „Wallenstein“ und auch an Dalis Gemälde an, in meiner Interpretation „a neon Cross is painted in the sky“ als Zeichen für Hoffnung, oder zumindest für die Möglichkeit, nicht völlig zu resignieren.
Farbenfrohes Dunkel

O: Das Albumcover sticht besonders ins Auge. Was war die Inspirationsquelle für die beiden Pegasus, den knorrigen Baum und der in allen Farben des Regenbogens erstrahlenden Himmel?
DC: Auch hier stehen Dali und der Surrealismus Pate. Einerseits ganz offensichtlich das Neon-Kreuz im Zentrum in einer öden Gegend (eine Interpretation auf das biblische Land Nod, in das Kain verbannt wurde), die Pegasus als Zeichen für kreative Freiheit (damit ist letztlich die Musik auf „Standarte“ gemeint) und ja, die Regenbogenfarben, weil ich Farbe bekennen will auch im dunklen Genre, was in Songs wie „Caleb“ oder auch im Video von „Standarte“ wohl mehr als deutlich wird. Nicht besonders überraschend für die Menschen, die mich kennen, aber vielleicht nicht so allgegenwärtig in harter Rockmusik.
Im nächsten Teil sprechen wir davon, wie Damien Cain sich etwas von der Seele schreibt, nützliche Werkzeuge und wagen einen Blick in die Zukunft.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Sieh Dir das Video zu „Standarte“ hier an: