HOKKA im Interview (2/2)

Photo: Natalie Pastakeda

HOKKA kreieren mitreißenden Modern-Rock aus Finnland. Das erste Album des ehem. Blind-Channel-Sängers Joel Hokka trägt den Titel „Via Miseria IV“. Lies hier den zweiten Teil unseres Interviews. – Teil eins verpasst? Kein Problem, den kannst Du hier nachlesen.

Songs wie offene Wunden

Bereits der Opener „Blackbird“ setzt ein klares Statement. Der Song fungiert als „Eröffnungszeremonie für die ganze Welt“, wie Hokka sagt. Hier verdichten sich Trauma, Wut und der unbedingte Wille, weiterzumachen. „Ich habe meine Traumata und tiefen Emotionen in den Text gegossen.“ Besonders prägnant ist die zentrale Aussage: „Niemand kommt, um dich zu retten.“ Dieser Satz ist mehr als nur eine Zeile – er ist das Fundament des gesamten Albums. Hokka beschreibt ihn als Spiegel seiner eigenen Erfahrungen: „Ich musste mich selbst retten.“ „In The Darkness“ führt diesen Gedanken konsequent weiter. Der Song taucht tief in mentale Abgründe ein und bleibt dabei kompromisslos ehrlich. „Er ist in jeder Hinsicht autobiografisch“, sagt Hokka. Die Dunkelheit wird hier nicht nur als Bedrohung inszeniert, sie wird auch als Ort der Ruhe dargestellt. „Ich habe keine Angst vor der Dunkelheit, ich fühle mich ruhig in ihr.“ Dieser Perspektivwechsel verleiht dem Track eine besondere Intensität. Mit „Heart Said No“ verschiebt sich der Fokus auf zwischenmenschliche Themen. Angst vor Nähe, emotionale Verletzungen und eine allgegenwärtige Melancholie prägen den Song. „Melancholie ist mein Zuhause“, erklärt Hokka. Diese Aussage wirkt wie ein Schlüssel zum Verständnis des gesamten Albums. Es geht nicht darum, diesen Zustand zu überwinden, es ist an der Zeit ihn zu akzeptieren. Gleichzeitig schwingt in diesem Stück eine leise Tragik mit, die zeigt, wie schwer es ist, vertraute Muster zu verlassen.

Klang gewordene Identität

Neben Hokka und Rantasalmi trägt auch der finnische Schlagzeuger Jimi Aslak entscheidend zum Gesamtbild bei. „Er ist pures Gold“, beschreibt Joel den jungen Musiker. Seine Energie verleiht den Songs eine zusätzliche Ebene, die zwischen kontrollierter Aggression und präziser Dynamik pendelt. Gerade in den rhythmischen Strukturen zeigt sich, wie wichtig sein Einfluss für die Gesamtwirkung ist und welch großes Talent er hat. Musikalisch bewegen sich HOKKA in der Tradition finnischer Rockmusik, ohne sich davon einengen zu lassen. „Kein Druck, nur Inspiration“, betont Hokka. Diese Haltung ist das Ergebnis früherer Erfahrungen, die ihn an seine Grenzen gebracht haben. Statt Erwartungen zu erfüllen, geht es nun darum, authentisch zu bleiben. Die Songs tragen diese Haltung in sich. Sie sind nicht darauf ausgelegt, zu gefallen, sie wollen wirken. Jede Passage, jede Wendung scheint aus einem inneren Bedürfnis heraus entstanden zu sein. Gerade in den leiseren Momenten entfaltet sich dabei eine Intensität, die den härteren Passagen erst ihre Wucht verleiht. Dieses Wechselspiel sorgt dafür, dass das Album auch nach mehreren Durchläufen neue Details offenbart.

Finnische Melancholie und das Streben nach Glück

Die emotionale Tiefe ist eng mit der Herkunft der Band verbunden. „Es ist diese endlose Agonie und Melancholie mit einem Hauch von schwarzem Humor“, beschreibt Hokka das typisch Finnische an seiner Musik. Diese Mischung aus Schwere und Ironie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album. Umso widersprüchlicher erscheint die Tatsache, dass Finnland seit Jahren als eines der glücklichsten Länder der Welt gilt. Joel selbst steht dieser Einschätzung skeptisch gegenüber: „Ich habe das Gefühl, dass Menschen außerhalb dieses Landes viel glücklicher sind als wir.“ Seine eigene Einschätzung liegt bei „66 bis 69“. Eine Zahl, die weder euphorisch noch resigniert wirkt. Vielmehr beschreibt sie einen Zustand dazwischen – einen Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. „Ich versuche, 99 zu erreichen“, sagt Hokka. Was fehlt, ist für ihn klar: „Seelenfrieden.“ Dieser Wunsch zieht sich unterschwellig durch das gesamte Album und verleiht ihm eine zusätzliche emotionale Dimension. Es ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch eine Suche nach einem Zustand, der vielleicht nie vollständig erreicht wird.

Ein Anfang im Schatten

HOKKA ist mehr als ein Nebenprojekt oder ein Neuanfang im klassischen Sinne. Es ist der Versuch, sich selbst neu zu definieren – jenseits von Erwartungen und alten Strukturen. „Via Miseria IV“ erzählt keine einfache Geschichte von Heilung. Es dokumentiert einen Zustand des Übergangs, in dem Schmerz und Hoffnung gleichzeitig existieren. Die Stärke des Albums liegt genau in dieser Offenheit. Es zwingt sich nicht in klare Antworten, es lässt Fragen zu. Es zeigt, dass Wachstum nicht geradlinig verläuft, sondern oft durch Zweifel und Rückschläge geprägt ist. Gleichzeitig entsteht aus dieser Ungewissheit eine besondere Form von Ehrlichkeit, die sich in jedem Moment bemerkbar macht. Oder, wie Hokka es selbst formuliert: „Ich bin ein Gefangener meiner eigenen Geschichte, aber ich versuche, jeden Tag besser zu werden.“

Jan Schütz (Meersein)

Line-up:
Joel Hokka – Gesang, Songwriting, Produktion
Pauli Rantasalmi – Gitarre, Songwriting, Produktion
Jimi Aslak – Schlagzeug

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HOKKA – Tourdaten:
07. Mai 2026 FI-Helsinki, Tavastia
12. Juni 2026 FI-Lahti, Kesä-Mössö
27. Juni 2026 FI-Helsinki, Tuska
03. Juli 2026 FI-Turku, Ruisrock
17.-19. Juli 2026 FI-Joensuu, Ilosaarirock
23./25. Juli 2026 FI-Kuopio, Kuopiorock
25. Juli 2026 FI-Oulu, Qstock
31. Juli/01. August 2026 FI-Pori, Porisphere
14.-16. August 2026 CH-Cudrefin, Rock the Lakes

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