So war es beim KIELECTRIC mit CHROM, TORUL, SEA OF SIN, FINAL SELECTION & ROTOSKOP

04. April 2026, KIELECTRIC Festival 2026
Der Norden kann nicht nur Fischbrötchen, sondern auch Festival!
Und zwar eines, das nicht nach Sommerwiese, Dosenbierromantik und verstreuten Open-Air-Wegen riecht, sondern nach dunkler Elektronik, Clubschweiß, flackerndem Licht und Körpern, die irgendwann nicht mehr fragen, ob sie tanzen dürfen. Die Pumpe in Kiel wird an diesem Abend zum industriellen Resonanzkörper. Dichter Sound, kurze Wege, kaum Distanz zwischen Bühne und Publikum – perfekt, um die Musik in die Knochen fließen zu lassen. Kein Festival im klassischen Sinn. Kein Gelände, kein Verlaufen, keine Ablenkung. Nur eine Richtung: nach vorne. Zur Bühne. Zur Nacht. Zum Tanzen.
Durch den Abend führen André Steinigen, (u. a. Versus) sowie Kielectric-Veranstalter Robert Korittke. Keine steife Ansage, kein künstliches Zeremoniell, eher ein verbindender Faden zwischen den Bands. Und dieser Faden hält, weil das Line-up klar gedacht ist: Rotoskop, Final Selection, Sea of Sin, Torul und als Headliner Chrom. Elektronisch. Tanzbar. Szene. Ohne Umwege.
Rotoskop – Der erste Impuls
Rotoskop eröffnen den Abend mit jener dunklen, kantigen Elektronik, die nicht sofort alles verrät. Hinter dem Projekt steht Klaus Gratzel, dessen Sound zwischen introspektiver Melancholie, Synth-Flächen und clubnahen Beats arbeitet. Der Opener-Slot ist immer ein Risiko. Zu früh, zu leer, zu wenig Reaktion.Hier passiert das Gegenteil. Kaum setzen die ersten Beats ein, bewegt sich das Publikum. Mit „Buried Down Below“ und „Love Peace Honesty“ geben Rotoskop früh die Richtung an: dunkel, melodisch, klar gebaut. Danach ziehen „Sinking“ und „Toxic Men“ das Set tiefer in die Schattenzone. Später kommt mit „25 Years“, der Catch-Coverversion, bevor „Back in Time“ wieder stärker in die eigene Spur zurückführt. „Dark Desire“ und „Body Spirit Soul“ lassen den Puls spürbar steigen. Mit „BirthSchoolWorkDeath“ setzen Rotoskop schließlich einen trockenen, fast trotzig wirkenden SchlusspunktDer Abend ist eröffnet. Nicht laut schreiend, sondern wirksam.
Final Selection – Melancholie mit Rückgrat
Final Selection bringen eine andere Farbe ins Spiel. Die Band hat ihre Wurzeln tief im klassischen Synthpop, ohne jemals zur bloßen Nostalgieverwaltung zu werden. Ihr Sound lebt von Melodie, Gefühl und diesem leicht kühlen Zug, der alte Szene-Herzen sofort erreicht. Melancholie mit Rückgrat. Und genau das passiert auch live. Mit „Jupiter’s Child“ und „The River“ öffnet sich das Set eher weit als hart. Die Songs tragen, statt zu drücken. Danach greifen „Daybreak“ und der neue Song „Wired Kingdom“ stärker nach vorn; hier klingt Vergangenheit nicht wie Rückschau, sondern wie ein Fundament, auf dem weitergebaut wird. Später folgen „Gravity“ und „Beyond My Dreams“. Die Stücke wirken live wie klassische Synthpop-Körper mit kräftigem Herzschlag: melancholisch, aber nie schwach. Im Anschluss bringt „Red Line“ wieder mehr Spannung hinein, bevor „Touch and Fail“ als neuer Song den Abschluss setzt. Final Selection wirken an diesem Abend nicht wie ein Act, der nur Erinnerungen bedient. Sie zeigen, dass Melancholie altern darf, ohne ihre Klinge zu verlieren.
Sea of Sin – Club trifft Erinnerung
Sea of Sin schieben den Abend danach deutlicher Richtung Tanzfläche. Die Band steht für Synthpop und Electro mit klarer Szene-DNA: eingängige Hooks, saubere Melodielinien, clubtaugliche Strukturen und genug emotionaler Unterbau, damit das Ganze nicht zur bloßen Oberfläche wird. Der Einstieg mit „Faith!“ und „Truth“ kommt direkt, ohne zu überfahren. Danach ziehen „Contamination“ und „Synchronize“ den elektronischen Rahmen enger; die Beats arbeiten präziser, die Bewegung im Raum wird sichtbarer. Mit „High and Low“ und „No Excuse“ gewinnt das Set an Griff. Das Publikum ist jetzt angekommen, nicht nur körperlich, sondern auch im Abend. Später sorgen „Don’t Let Go“ und „Renegades“ für genau diese Mischung aus Eingängigkeit und Vorwärtsdrang, die bei Sea of Sin live so gut funktioniert. Dann kommt „Unspoken Words“. – Kein plumper Hitmoment, sondern ein Stück, das sich festsetzt, während die Tanzfläche weiterarbeitet. „What Are You Waiting for?“ legt danach noch einmal mehr Dringlichkeit hinein. Mit „Beyond Sadness“ endet das Set nicht in blanker Euphorie, sondern mit Tiefe. Genau das passt: Sea of Sin lassen den Club nicht kalt zurück, sondern mit einem Rest Schatten auf der Haut.
Torul – Eleganz, die unter die Haut geht
Torul sind eine dieser Bands, die nicht über Lautstärke gewinnen müssen. Seit den frühen 2010ern hat sich die slowenische Formation mit ihrem eigenständigen Mix aus Synthpop, elektronischer Tiefe und fast cineastischer Atmosphäre einen festen Platz in der Szene erspielt. Ihre Songs arbeiten oft nicht mit dem schnellen Zugriff, sondern mit Sog. Sie kommen näher, während man noch glaubt, Abstand zu haben. Live bedeutet das vor allem eines: Kontrolle. Der Auftakt mit „Day of A Slay / Running Away“ setzt sofort einen eigenen Ton. Nicht ruppig, nicht überdreht, aber konzentriert. Danach öffnet „Conversations“ den Raum stärker in Richtung Gefühl, während „Lonely Night“ diese typische Torul-Nachtfarbe hineinträgt: kühl, urban, leicht verloren. Mit „Dancers in the Dark“ wird der Abend plötzlich körperlicher. Der Song passt fast unverschämt gut in dieses Festival, weil er genau benennt, was längst passiert: Menschen bewegen sich im Halbdunkel, weil der Beat sie längst hat. „On My Way“ führt diesen Fluss weiter. Später setzen „Just Go“ und „Show Me Your City“ stärker auf Bewegung und Kontur. „Saviour of Love“ bringt danach eine fast schmerzlich elegante Note hinein, bevor „You And Me“ die emotionale Achse des Sets noch einmal persönlicher zieht. „Monday“ gehört zu den Momenten, in denen Torul zeigen, wie viel Druck auch in Zurückhaltung liegen kann. „We Don’t Care“ nimmt danach wieder mehr Kante auf. Hier wird die Eleganz etwas rauer, der Puls deutlicher. Kein Bruch, eher ein kontrolliertes Anziehen der Zügel. Mit „Waterproof Theme“ öffnet sich noch einmal diese besondere Torul-Weite, elektronisch, schimmernd, fast schwerelos. Der Song wirkt wie ein später Neonstreifen in einer dunklen Straße. Und dann „All“: ein Abschluss, der nicht auf Knall setzt, sondern auf Nachhall.
Chrom – Wenn Kontrolle in Energie kippt
Dann wird es Zeit für den Headliner. Chrom stehen seit Jahren für eine der klarsten Schnittstellen zwischen Synthpop, EBM und Club-Electro. Ihre Tracks sind gebaut für Bewegung: präzise, treibend, direkt. Keine unnötigen Umwege, keine Spielereien, die den Kern verwässern. Hier geht es um Wirkung. Und genau die liefern sie. Vom ersten Moment an zieht das Set an. Die Beats greifen härter, die Strukturen sind klarer, die Energie unmittelbarer. Die Pumpe reagiert sofort, die Tanzfläche wird dicht. Körper rücken enger zusammen. Mit „Paralysed“ und „Surrender“ startet das Set ohne langes Warmwerden. Der Druck sitzt sofort, die Strukturen sind klar, die Stimmen greifen. Danach bringen „Memories“ und „In My World“ diese typische Chrom-Mischung aus Melodie, Melancholie und Clubkante in die Pumpe.
Später ziehen „Losing Myself“ und „I Don’t Believe“ die Schraube fester. Die Bewegung im Raum wird geschlossener, fast mechanischer. Kein loses Tanzen mehr, eher ein gemeinsamer Takt. „Regret & Testify“ schiebt danach einen dieser Momente nach, in denen Chrom besonders stark sind: emotional genug für den Kopf, direkt genug für die Beine. Mit „Murder Fantasies“ wird es dunkler, schärfer, kantiger. „Agony“ hält diese Spannung und legt noch mehr Nachdruck darunter. „Heavenly“ wirkt danach fast wie ein kurzer Blick nach oben, aber ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit „Down Below“ geht es wieder tiefer. Der Titel passt zur Stimmung: runter in den Maschinenraum, dahin, wo Bass, Stimme und Bewegung miteinander verschmelzen. „Beyond the Trees“ nimmt danach etwas von dieser Schwere mit, öffnet aber zugleich den Blick, als würde das Set kurz Luft holen, bevor die letzte Strecke beginnt. „Visions“ setzt einen starken späten Akzent. Der Song wirkt live wie ein klarer Fokuspunkt, präzise, breit, sofort greifbar. „The Start of Something New“ beendet den regulären Teil mit einem Titel, der fast zu passend klingt. Chrom spielen ihn nicht als weichen Abschied, sondern als kontrollierte Entladung. Kein Ende im eigentlichen Sinn. Eher ein Schnitt, der sofort nach Zugabe verlangt. – Und die kommt. „Loneliness“ trifft als Encore genau dorthin, wo Chrom immer besonders wirksam sind: in diese seltsame Mischung aus Einsamkeit und kollektiver Bewegung. Zum Schluss „Staring at the Sun“. Ein Finale mit Blick nach vorn, ohne den Schatten abzuschütteln. Chrom lassen die Pumpe noch einmal brennen, sauber, kontrolliert, mit maximalem Nachdruck.
Fazit – Eine Nacht ohne Umwege
Das Kielectric Festival 2026 ist kein Event, das alles sein will. Kein stilistischer Bauchladen. Kein Kompromissprogramm. Es ist klar ausgerichtet: Elektronisch. Tanzbar. Szene. Von Rotoskop als kantigem Einstieg über Final Selection und Sea of Sin bis hin zur eleganten Tiefe von Torul und dem druckvollen Headliner-Set von Chrom ergibt sich eine Dramaturgie, die nicht zufällig wirkt. Jeder Act setzt einen anderen Akzent, ohne den roten Faden zu verlieren. André Steinigen und Robert Korittke halten den Abend dabei charmant zusammen, ohne sich vor die Musik zu stellen. Am Ende bleibt das Gefühl, Teil einer Nacht gewesen zu sein, die genau in diesem Moment funktioniert hat. Und so soll es sein!
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann


























