ALLY THE FIDDLE: Brennenden Loks, gerissene Schaffnerhosen oder Begrüßungswürstchen in der Zugtoilette

Wenn Ally eine Reise tut, dann kann sie was erzählen, könnte man sagen: Deutschlands bekannteste Rockgeigerin Ally Storch ist viel unterwegs. Tausende Kilometer im Jahr. Und wenn sie nicht gerade im Tourbus von Subway To Sally zu finden ist, zumeist mit der Bahn. Dank vernachlässigter Infrastruktur bei gleichzeitig hoher Verkehrsdichte und veraltetem Material kommt es zu Zugausfällen, technischen Pannen und Verspätungen. Der Stoff, aus dem Geschichten geschneidert werden. Aufgeschrieben hat sie Ally Storch zunächst mit regelmäßigen Online-Posts. Und nun in dem Buch: „Ally fährt Bahn“, das ab dem 26. Juni offiziell zu kaufen ist. Orkus!-Redakteur Axel Heyder sprach mit der Musikerin.
Orkus: Bahngeschichten kann jeder erzählen, der sie nutzt. Was ist an deinen Geschichten außergewöhnlich?
Ally: Außergewöhnlich ist bestimmt, dass ich mich nicht einfach in ein Gemotze über die Bahn ergieße. Ich finde eher amüsante Details oder werfe auch mal einen Blick auf meine lieben Mitreisenden. Denn dass vieles nicht läuft, darüber muss man sich gar nicht mehr unterhalten. Ich habe also über die Jahre gesammelt, was mir so begegnet ist und damit konnte ich eine kunterbunte Mischung aus brennenden Loks, gerissenen Schaffnerhosen oder Begrüßungswürstchen in der Zugtoilette zusammentragen.
Orkus: Blöde Frage: aber fährst du gerne Bahn?
Ally: So absurd es auch klingen mag, aber ich fahre tatsächlich gerne Bahn. Es hat sich im Laufe der Jahrzehnte so etwas wie eine „Hassliebe“ aufgebaut. Die Verspätungen nerven, die Unzulänglichkeiten gehen einem auf den Keks – aber die Menschen hinter dem Unternehmen sind meistens sehr bemüht und das Reisen mit dem Zug ist an sich eher gemütlich, wenn man viele Stunden Reise vor sich hat.
Orkus: Was war die längste Fahrzeit, die du für eine Strecke wegen einer Verspätung benötigt hast?
Ally: Das ist schwer zu sagen. Ich bin einmal erst am Folgetag angekommen, weil mein Zug von einem anderen Bahnhof abgefahren ist als angegeben und mir die Bahn dafür eine Übernachtung spendiert hat. Oder ich bin extra einen Tag früher gefahren, weil die Bahn stark bestreikt wurde. Was ich allerdings mal sehr interessant finden würde: Wie viele Stunden eigentlich in meinem Leben zusammengekommen sind, die ich wegen eventueller Verspätungen früher losgefahren bin und wie viele Stunden, die sich an Wartezeit auf den verspäteten Zug angehäuft haben. Ob da bereits Jahre zusammenkommen?
Orkus: Erinnerst du dich noch eine kurioseste Aussage, warum dein Zug ausgerechnet heute ausfällt?
Ally: Zugausfälle werden eigentlich gar nicht erst mit einer Ausrede bedacht. Meistens steht dann nur da „Zug fällt aus“. Was allerdings wirklich lustig ist, ist das „Ausredenroulette“ – wie ich es in meinem Buch nenne – um die Zugverspätungen. Da sind seltsame Dinge im Gleis dabei, brennende Büsche, verspätete Bereitstellung des Zuges und was nicht alles. Ich glaube, am herzlichsten musste ich über den Lokführer lachen, der nicht pünktlich zu seinem Zug kommen konnte, da er mit der Deutschen Bahn anreiste.
Orkus: Hast du schon Strategien, wie du reagierst, wenn mal wieder die Toiletten verschlossen bleiben, die Klimaanlage ausfällt oder die Sitzreservierung hinfällig ist?
Ally: Augenrollen. Für eine Vielfahrerin ist das fast schon alltäglich und da muss man dann durch. Was auch hilft: Immer ein Flexticket zu buchen, denn dann kann ich auf jeden beliebigen Zug auf meiner Strecke umswitchen.
Orkus: Bahnchef Lutz hatte aus meiner persönlichen Sicht trotz Million-Boni die Bahn eher aufs Abstellgleis gebracht. Nun macht Evelyn Palla den Job und bewegt etwas. Können Frauen es besser?
Ally: So etwas würde ich nie verallgemeinern. Mein Eindruck vom letzten Bahnchef war einfach nur der, dass er einzig und allein an seinem Profit interessiert war. Er wollte damals mit Macht an die Börse, es wurde am Service eingespart und die Tickets wurden regelmäßig drastisch teurer. Allerdings überlasse ich das Fachsimpeln über die Unternehmungsführung lieber anderen, denn darüber habe ich schon so einige Bücher gesehen. Viel interessanter finde ich die Geschichten, die einem als Kunde so widerfahren.
Orkus: Wenn du an ihrer Stelle wärst: Was wäre deine allererste Maßnahme, die du in die Wege leiten würdest?
Ally: Ich würde es wie andere Bahnunternehmen machen und das Fahrticket gleich mit einem Sitzplatzticket verbinden. Für diejenigen, die dann doch unbedingt noch schnell mitwollen, kann man dann noch ein kleines Kontingent an Extratickets raushauen. Zum selben Preis. Und Fahrradwagen anstelle vom Fahrradabteil. Das wäre dann nur noch für Kinderwagen, RollstuhlfahrerInnen und Leute mit schwerem Gepäck.
Orkus: Wie oft hast du nach Kilometern die Erde in der Deutschen Bahn umrundet, sprich, wie viele Kilometer kommen da im Jahr bei dir zusammen?
Ally: Ich habe tatsächlich mal versucht, das grob anhand meiner Rechnungen nachzuvollziehen. Das genauer zu machen, gliche allerdings dem Aufwand einer Steuererklärung. Aber eines ist gewiss: Ich bekomme die Kilometerzahl von 40.075km (Wikipedia) locker und sehr wahrscheinlich mehrmals zusammen.
Orkus: Ist die Bahn besser als ihr Image, oder eher noch schlechter?
Ally: Ich glaube, die Bahn ist genauso wie ihr Image. Man sieht kleine Bemühungen in der Verbesserung des Service und ich habe gehört, dass das Streckennetz und der Zustand der Bahn schwer wieder in Ordnung zu bringen sind. Für die Reisenden ist es dennoch hier und da wirklich unzumutbar.
Orkus: In fremden Länder galt einst der Spruch: „Pünktlich wie die Deutsche Bahn“. Spätestens seit der Fußball-WM in Deutschland 2006 weiß die ganze Welt, dass der nicht mehr gilt. Was hat sich aus deiner Sicht verändert, warum kriegen wir es nicht mehr hin?
Ally: Ich vermute, dass man an dem Punkt, wo man alles hätte in Schuss bringen müssen, eher den eigenen Profit im Auge hatte. Jetzt wird geflickt. Das Streckennetz ist meines Wissens zu klein für so eine komplexe Transportwirtschaft. Zudem teilt sich der Fernverkehr häufig auch die Gleise mit dem Nahverkehr und auch wenn das häufig wieder Tochtergesellschaften der Deutschen Bahn sind, scheinen sich beide gegenseitig ständig im Weg zu stehen. Und es fühlt sich für mich als Kundin so an, als hätte die Bahn tatsächlich mal irgendwann den Willen aufgegeben, pünktlich sein zu wollen. Aber wie gesagt, die Analysen überlasse ich gerne anderen, die besser in der Materie stehen. In meinem Buch möchte ich lieber erzählen, welche Kuriositäten sich daraus ergeben.
„Ally fährt Bahn“ ist ab heute im Handel erhältlich – oder direkt beim Verlag.
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