AGE OF LIFE im Interview (1/2)

Mit Age of Life öffnet Chris Burda ein musikalisches Universum, das sich über Millionen von Jahren erstreckt. Inspiriert von der Evolution des Lebens auf der Erde, verbindet sein Soloprojekt atmosphärische Klanglandschaften mit einer Geschichte von Entstehung, Wachstum, Krisen und Neubeginn. „Emergence – Part I“ bildet dabei den ersten Teil eines langfristig angelegten Konzepts, in dem wissenschaftliche Zeitgeschichte auf persönliche Bilder und Emotionen trifft. Im Gespräch erzählt Chris Burda, wie aus der Idee eines Soloprojekts ein eigenes musikalisches Universum entstand und warum sich die Geschichte von Age of Life bewusst nur Stück für Stück entfaltet.

Orkus: Wie kam es zum Wunsch der Gründung eines Soloprojekts, zu Age of Life?
Chris Burda: Der Wunsch nach einem eigenen Projekt ist nicht plötzlich entstanden. Nach vielen Jahren kreativer Arbeit mit meiner Hauptband Collapse Under the Empire gab es immer wieder musikalische Ideen, die sich nicht unbedingt in den bestehenden Rahmen eingefügt haben. Nicht, weil sie besser oder schlechter waren – sie gehörten einfach in eine andere Welt. Als meine Hauptband 2024 eine kreative Pause einlegte, entstand plötzlich der Raum, diesen Gedanken weiterzuverfolgen. Ich wollte diese Zeit bewusst nutzen, um etwas aufzubauen, das vollständig meiner eigenen Vorstellung folgt – musikalisch, visuell und konzeptionell. Age of Life war dabei nie als klassisches Nebenprojekt gedacht. Relativ schnell wurde mir klar, dass ich keine Sammlung einzelner Songs machen wollte, sondern etwas, das über einen längeren Zeitraum wachsen kann. Die Freiheit, alle Entscheidungen selbst zu treffen, war dabei ein wichtiger Aspekt. Von der ersten musikalischen Idee über die Produktion bis hin zur visuellen Gestaltung und der langfristigen Veröffentlichung entsteht alles aus derselben Grundidee heraus. Vielleicht war genau das der eigentliche Auslöser: der Wunsch, einmal ein komplettes Universum ohne Kompromisse und ohne vorgegebene Grenzen entstehen zu lassen.

O: Bei „Emergence – Part I“ handelt sich um ein Konzeptwerk. Wie kam es zu dieser Idee?
CB: Die Idee entstand aus einer Faszination für Zeit und Perspektive. Wenn man sich mit der Geschichte unseres Planeten beschäftigt, wird einem bewusst, wie klein der Zeitraum ist, in dem wir Menschen überhaupt existieren. Vor uns gab es unzählige Formen des Lebens, ganze Welten, die entstanden sind, sich verändert haben und irgendwann wieder verschwunden sind. Mich hat dieser Gedanke immer fasziniert, dass unsere Gegenwart nur ein winziger Moment in einem unglaublich langen Prozess ist. Aus dieser Perspektive entwickelte sich die Idee, die Evolution nicht wissenschaftlich zu dokumentieren, sondern emotional zu interpretieren. Die Geschichte des Lebens bietet eine unglaubliche Dramaturgie: Entstehung, Wachstum, Vielfalt, Stabilität, Krisen, Zerstörung und Neubeginn. Das sind gleichzeitig sehr menschliche Themen. „Emergence – Part I“ beschäftigt sich deshalb mit den frühen Phasen dieser Entwicklung. Es geht um den Moment, in dem etwas entsteht und beginnt, komplexer zu werden. Der wissenschaftliche Hintergrund gibt dem Projekt eine zeitliche Struktur, aber im Mittelpunkt steht immer die emotionale Dimension.

O: Jeder Song steht für eine Epoche der Evolution. Wie schwierig war es, einer wissenschaftlichen Entwicklung eine musikalische Identität zu geben? Und wonach hast du die Gliederung festgemacht? Wann war klar, wo du beginnen und wo enden würdest?
CB: Die größte Herausforderung bestand darin, nicht zu versuchen, Wissenschaft direkt in Musik zu übersetzen. Ich wollte vermeiden, dass die Songs wie musikalische Illustrationen einer bestimmten Epoche wirken. Deshalb stand am Anfang meistens nicht die Frage: „Was ist damals wissenschaftlich passiert?“, sondern eher: „Welche emotionale Atmosphäre verbinde ich mit diesem Moment?“ Eine Phase großer evolutionärer Vielfalt kann beispielsweise Bewegung, Energie und Aufbruch vermitteln. Eine Zeit des Zusammenbruchs dagegen vielleicht Leere, Spannung oder Instabilität. Die wissenschaftliche Entwicklung war also eher das Gerüst, auf dem die Musik entstehen konnte. Die Gliederung des ersten Albums ergab sich relativ organisch aus dem Gedanken der „Emergenz“ (Entstehung des Lebens). Ich wollte einen Bogen schaffen, der mit dem Beginn und der Ausbreitung komplexeren Lebens startet, über Wachstum und zunehmende Vielfalt führt und schließlich mit den ersten großen Krisen konfrontiert wird. Deshalb beginnt das Album mit „Epoch One“ – einem sehr offenen, fast schwebenden Anfang – und führt über Titel wie „Cambrian Pulse“, „Pelagic Drift“ oder „Carbon Bloom“ immer weiter in eine Welt zunehmender Komplexität. Mit „The First Collapse“ und „Extinction I“ verändert sich diese Entwicklung grundlegend. Ordnung wird instabil, etwas geht verloren. „After the Silence“ bildet dann bewusst keinen endgültigen Abschluss. Es ist eher ein Moment nach der Zerstörung – ein Innehalten, aus dem sich bereits wieder etwas Neues entwickeln kann. Damit war auch klar, wo der erste Teil enden musste. Das Ende von „Emergence – Part I“ sollte gleichzeitig bereits den Übergang zu „Transformation – Part II“ vorbereiten.

O: Evolution ist etwas Rationales und Wissenschaftliches. Wie wird daraus Musik, die beim Hörer Emotionen auslösen soll? 
CB: Ich glaube, dass Evolution nur auf den ersten Blick ein rein rationales Thema ist. Hinter den wissenschaftlichen Begriffen stehen Geschichten von Entstehung und Verlust, Anpassung und Widerstand, Überleben und Vergänglichkeit. Das sind Themen, die wir emotional sehr gut verstehen können – auch wenn die Ereignisse selbst hunderte Millionen Jahre zurückliegen. Musik kann etwas schaffen, was wissenschaftliche Fakten allein nicht können: Sie kann einen emotionalen Raum öffnen. Ich muss nicht wissen, wie sich ein bestimmter Organismus vor 400 Millionen Jahren „angefühlt“ hat. Aber ich kann versuchen, die Idee von Veränderung, Unsicherheit oder Wachstum in Klang zu übersetzen. Für mich entsteht die emotionale Verbindung genau an diesem Punkt. Die wissenschaftliche Zeitlinie liefert den Rahmen, aber der Hörer füllt ihn mit eigenen Erfahrungen. Am Ende geht es bei Age of Life deshalb vielleicht weniger um die Vergangenheit als um etwas sehr Gegenwärtiges. Jeder Mensch kennt Veränderung. Wir erleben Wachstum, Verlust, Unsicherheit und Neuanfänge. Die Geschichte der Evolution wird dadurch zu einer Art Spiegel. Sie erzählt von etwas, das unvorstellbar weit von uns entfernt ist – und gleichzeitig sehr nah an unserer eigenen Existenz liegt.

O: (Falls sich das nicht mit der vorherigen Anwort überschneidet) Wie können wir uns die Arbeit an „Emergence – Part I“ vorstellen? Hattest du jeweils das genaue Thema im Kopf, oder Bilder?
CB: Am Anfang standen meistens tatsächlich eher Bilder und Atmosphären als konkrete musikalische Ideen. Natürlich hatte jeder Song eine bestimmte Epoche oder einen Abschnitt innerhalb der evolutionären Entwicklung als Ausgangspunkt. Aber ich habe mich nicht hingesetzt und versucht, eine wissenschaftliche Geschichte musikalisch nachzuerzählen. Mich interessierte vielmehr die Frage, welche Bilder und Gefühle eine bestimmte Phase bei mir auslöst. Bei Pelagic Drift beispielsweise war sehr schnell dieses Gefühl von Weite und Bewegung vorhanden – endlose Ozeane, Strömungen und ein Raum, in dem man selbst fast verschwindet. Bei Carbon Bloom waren es dagegen eher Bilder von Wachstum, Überfluss und einer sich immer weiter ausbreitenden organischen Welt. Andere Stücke entstanden aus deutlich abstrakteren Vorstellungen. „The First Collapse“ hatte für mich weniger ein konkretes Bild als ein Gefühl von Instabilität. Etwas, das lange gewachsen ist, beginnt langsam auseinanderzufallen. Diese Bilder waren während des gesamten Schreibprozesses wichtig. Sie waren eine Art innerer Kompass. Oft entstand zuerst eine Klangfarbe, eine Synthesizerfläche, ein Gitarrensound oder eine rhythmische Bewegung. Daraus entwickelte sich dann langsam eine Atmosphäre, und irgendwann begann sich das Bild dahinter zu schärfen. In diesem Sinne war die Arbeit an „Emergence – Part I“ wahrscheinlich weniger ein rationales Komponieren nach einem Konzept als ein Wechselspiel zwischen Wissen, Vorstellungskraft und Intuition. Das wissenschaftliche Thema gab mir den Rahmen – aber die eigentliche Musik entstand aus den Bildern, die innerhalb dieses Rahmens entstanden sind.

Claudia Zinn-Zinnenburg

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