LUMSK im Interview (1/2)

Mit „Einsemda“ schlägt Lumsk ein neues Kapitel auf. Inspiriert von den Gedichten des norwegischen Lyrikers Tor Jonsson, verbindet das Album Einsamkeit, Liebe, Sehnsucht und Hoffnung zu einem intensiven Dialog zwischen Lyrik und Musik. In unserem zweiteiligen Interview erzählt Espen W. Godø von der Entstehung des Albums, Jonssons Einfluss und dem neuen, direkteren und dynamischeren Klang der Band.
Orkus: Auf eurem neuen Album „Einsemda“ finden sich Gedichte von Tor Jonsson. Wie seid ihr dazu gekommen, seine Werke auszuwählen?
Espen W. Godø: Ich glaube, ein Kollege hat mir ein Gedicht von Jonsson vorgelesen. Ich weiß nicht mehr, ob das bei der Arbeit war oder bei einem unserer gelegentlichen Treffen mit Drinks und Prog-Rock-Abenden. Ich erinnere mich nicht einmal mehr daran, um welches Gedicht es sich handelte. Aber ich weiß noch, dass mich die Worte, die Emotionen, die Sprache und die Atmosphäre der Gedichte sofort in ihren Bann gezogen haben. Ich kaufte mir eine Gedichtsammlung von ihm mit dem Titel „Nærast er du når du er borte“, was ungefähr „Am nächsten bist du, wenn du fort bist“ bedeutet. Allein der Titel dieses Gedichts ist wunderschön traurig. Ich begann, die Gedichte zu lesen, und die Entscheidung fiel mir leicht. Wie du sagst, können Jonssons Gedichte sehr düster sein und handeln von Liebe, Tod, Einsamkeit und Sehnsucht. Für mich bilden die Verbindung aus Rhythmus, Sprache und Emotionen die perfekte Grundlage für einen kreativen Dialog zwischen Lyrik und Musik.
O: Jonssons Lyrik kann sehr düster sein und von Einsamkeit, Tod und Sehnsucht handeln. Entstand die Musik ganz natürlich aus diesen Emotionen heraus, oder habt ihr bewusst etwas Schöneres oder Hoffnungsvolles entgegengesetzt?
EWG: Es ist immer schwierig, sich genau daran zu erinnern, wie ein Song entsteht. Es ist ein intensiver Prozess aus Disziplin, Gefühlen, Kreativität, Intensität und harter Arbeit. Das Wort „Blase“ ist ein ziemlich abgedroschenes Klischee, aber es beschreibt diesen kreativen Zustand und Raum dennoch recht gut. Ein anderes Wort, das ich zuvor verwendet habe, ist „Dialog“. Wenn ich in meinem Wohnzimmer sitze, mit meinen Instrumenten, aus dem Fenster auf die Bäume, den Garten und die Menschen am Bahnhof schaue, die Gedichte vor mir liegen habe, spiele, lese und etwas singe, passiert plötzlich etwas. Es kann ganz spontan geschehen – oder auch überhaupt nicht. Manchmal entsteht es erst nach Stunden uninspirierter und etwas rastloser Tastenanschläge. Doch plötzlich spüre ich es: etwas entsteht, ein Dialog zwischen Gefühlen, Musik und Lyrik. In diesen Momenten kann ich eine Art Lebendigkeit, einen inspirierenden Fluss oder wie auch immer man es nennen möchte, ganz deutlich spüren. Das kann tagelang anhalten, als würde man von einem kreativen Rückenwind getragen. Und plötzlich ist ein Album entstanden. Natürlich bekommt man bei der Arbeit mit großartigen Gedichten auch einiges „gratis“ dazu. Sie bieten Emotionen und manchmal auch einen Rhythmus, der die Musik unmittelbar inspiriert. Es kann aber auch umgekehrt sein: Die Musik ist bereits da, bevor Melodie und Gedichte hinzukommen. Dann ist es eher eine ko-konstruktive Arbeitsweise, bei der man alles aufeinander abstimmt und Melodie und Rhythmus an die Gedichte anpasst. Man kann diesen Dialog in den Songs manchmal deutlich hören – etwa an einem Wechsel des Taktmaßes, des Tempos oder der Dynamik. Das ist das Ergebnis dieses Austauschs. Und ja, auch wenn Jonssons Gedichte düster sind und sich mit sehr traurigen menschlichen Emotionen beschäftigen, vermitteln sie dennoch eine gewisse Hoffnung. In der Sehnsucht steckt die Liebe, in der Einsamkeit das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Die Gedichte bringen diese Gegensätze auf eine sehr direkte und wunderschöne Weise zusammen, und ich kann mir niemanden vorstellen, der besser über Sehnsucht, Liebe und Einsamkeit geschrieben hat als Tor Jonsson. Also musste die Musik das gewissermaßen ebenfalls tun. Sie muss sowohl das enthalten, was vorhanden ist, als auch das, was fehlt, aber dennoch mitschwingt. Deshalb sind wir bei recht langen Songs gelandet, die sowohl der Musik jedes einzelnen Stücks als auch den unterschiedlichen Gedichten viel Raum und Zeit geben. Ich glaube außerdem, dass man auf diese Weise nicht unbedingt Norweger sein muss, um die Musik genießen zu können. Der Fokus liegt zu 100 Prozent auf der Musik, und man kann dennoch an einem Dialog zwischen den Gedichten, der Musik und sich selbst teilnehmen, ohne die Worte zu verstehen. Zumindest ist das meine – vielleicht nicht ganz so bescheidene – Meinung.
O: Wie können wir uns den Entstehungsprozess von „Einsemda“ vorstellen? Wo nahm das Album seinen Anfang?
EWG: Ich glaube, Teile dieser Frage habe ich bereits beantwortet. Ich kann aber noch hinzufügen, dass sowohl Roar als auch ich ziemlich detaillierte Skizzen für die Songs angefertigt haben, bevor wir sie mit dem Rest der Band teilten. Danach kann jeder sie so verändern, gestalten oder umarbeiten, wie er möchte. Dieser Prozess funktioniert für uns sehr gut und ermöglicht detailliertere Arrangements zwischen den Instrumenten, als es beim gemeinsamen Jammen im Proberaum möglich wäre. Wenn wir uns also zum ersten Mal treffen, hat jeder bereits eine klare Vorstellung von der Struktur der Songs und einen grundlegenden Ausgangspunkt für sein Instrument. Wir treffen uns, probieren die Skizzen aus, fügen Dinge hinzu und entfernen, was nicht funktioniert, entwickeln neue Ideen – und beginnen mit den Aufnahmen. Während des Aufnahmeprozesses kommen dann noch weitere Ideen hinzu. Das Album ist also noch lange nicht fertig, wenn alles bereit für den Mix ist.
O: Nach welchen Kriterien habt ihr die Gedichte für das Album ausgewählt?
EWG: Ich glaube nicht, dass es bestimmte Kriterien für die Auswahl gibt. Vieles ist auch einfach Zufall. Ich lese die Gedichte, wähle diejenigen aus, die mich berühren, beginne mit der Arbeit daran und folge diesem Weg dann häufig einfach weiter. Die Sprache der Gedichte ist vielleicht das wichtigste Kriterium. Aber genauso gut hätten wir bei anderen Gedichten landen können. Ich möchte meistens einfach anfangen, Musik zu machen, daher steckt hinter der Auswahl der einzelnen Gedichte keine besonders feste oder klare Idee.
O: „Einsemda“ bedeutet „Einsamkeit“. Warum fühlte sich dieser Titel für das Album richtig an?
EWG: Früher haben wir unsere Alben nach den Gedichtsammlungen benannt, aus denen wir die Texte entnommen haben. Wenn wir dieser Tradition gefolgt wären, hätte das Album „Nærast er du når du er borte“ geheißen. Da dies aber der Titel eines einzelnen Gedichts ist und dieses Gedicht nicht auf dem Album enthalten ist, dachten wir, dass das vielleicht nicht funktionieren würde. Außerdem ist es ein ziemlich langer Titel, und ich glaube, er fühlte sich einfach nicht richtig an. Also haben wir ein kurzes Brainstorming gemacht und sind schließlich bei „Einsemda“ gelandet. Es ist ein wunderschönes Wort, ein wunderschönes Gedicht, und persönlich halte ich es für einen der besten Songs, die ich je geschrieben habe. Letztendlich war es also eine einfache Entscheidung.
O: Wie persönlich stehst du zum Thema Einsamkeit? Ist sie etwas, unter dem du sehr leiden kannst, oder brauchst du manchmal einfach die Abgeschiedenheit? Wobei Einsamkeit und Alleinsein natürlich nicht ganz dasselbe sind.
EWG: Da stimme ich dir vollkommen zu. Einsamkeit und Abgeschiedenheit, sich bewusst dafür zu entscheiden, allein zu sein und mit sich selbst mehr oder weniger im Frieden zu sein, sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ich habe eine klare Vorstellung davon, was dieser Unterschied für mich bedeutet und wofür er in meinem eigenen Leben steht. Genau das gefällt mir auch so sehr an Jonssons Gedicht „Nærast er du når du er borte“ – „Am nächsten bist du, wenn du fort bist“. Ich kann mich darin wiederfinden, als wäre es ein mehr oder weniger ständiger Kampf zwischen dem Bedürfnis, Menschen um mich zu haben, und dem Bedürfnis nach Rückzug und viel Zeit allein. Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich mich einsam gefühlt habe, und von Zeit zu Zeit erkenne ich dieses Gefühl auch heute wieder. Aber ich kann mich nicht auf die Weise damit identifizieren, wie ich glaube, dass Jonsson es getan hat – sowohl in seinem Leben als auch in seinen Gedichten. Ich denke, man kann durchaus sagen, dass er wirklich darunter gelitten hat, auch unter der Einsamkeit.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Wir setzen in Kürze unser Interview fort.
Mehr über Lumsk erfährst Du auch in unserer Oktober/November-Ausgabe.

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