So war es bei VERSENGOLD

18. April 2026, Hamburg, Alstersdorfer Sporthalle
Support: The Trouble Notes, Kupfergold
Der Norden kann laut. Sehr laut.
Konzerte, die einfach funktionieren, gibt es genug. Abende, die aussehen, als hätte jemand eine Hafenkneipe, ein Piratenschiff und eine Festivalbühne frontal ineinander gefahren – die sind seltener. Versengold bringen genau so einen Abend mit ihrer „Eingenordet Tour 2026“ nach Hamburg.
Wenn Geige auf Fernweh trifft
Den Abend eröffnen The Trouble Notes, und schon hier wird klar, dass das kein gewöhnlicher Support-Slot werden soll. Die international besetzte Formation ist schwer sauber einzuordnen — und genau das macht sie spannend. Irgendwo zwischen Weltmusik, Folk, akustischer Wildheit und fast cineastischer Instrumental-Energie bauen sie Songs, die mehr nach Reise klingen als nach klassischem Konzert. Geige, Rhythmus, Dynamik — weniger Songstruktur, mehr Bewegung. Besonders live funktioniert das brutal gut. Ohne großes Gerede zieht die Band das Publikum schnell auf ihre Seite. Die Violine übernimmt dabei fast automatisch die Hauptrolle, mal treibend, mal melancholisch, dann wieder wie ein kontrollierter Sturm. Dazu Percussion, Gitarre und dieses permanente Gefühl, dass der nächste Takt jederzeit komplett woanders hin abbiegen könnte. Das Publikum braucht dafür nicht lange. Erst vorsichtiges Mitgehen. Dann Bewegung. Dann echtes Grinsen.
Charmant, dreckig und mit Anlauf direkt ins Gesicht
Dann kommt Kupfergold.Und plötzlich wird aus Stimmung Abriss. Denn auf einmal steht da vorne Bonnie Banks – und reißt das Ding an sich, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Ihre Stimme ist kein Beiwerk, sie ist Waffe. Direkt, rotzig, mit dieser ganz eigenen Mischung aus Aggrofolk, Kneipenattitüde und blanker Lust an der Eskalation. Ein Überfall mit Ansage. Wie eine Kneipenschlägerei, Mittelalterrock, Folk, Punk-Attitüde und eine ordentliche Portion „uns doch egal, Hauptsache es knallt“. Schon „Fasan Alarm“ schlägt wie eine offene Tür ins Gesicht. Bonnie steht vorne, grinst schief und macht sofort klar: Hier wird nicht freundlich angeklopft, hier wird die Tür eingetreten. Direkt danach mit „Kupfer und Gold“ noch einmal der perfekte Bandname als Selbstverständnis: laut, frech, breit grinsend. Spätestens bei „Und ’n Tripper“ und dem herrlich absurden „Muschelbusen“ kippt das Ganze komplett in diesen dreckigen, lauten Spaß, der einfach funktioniert. Das ist ehrlicher Eskalations-Folk mit voller Absicht. Die Halle liebt es sofort. Spätestens bei „Der Klügere kippt nach“ wird aus Publikum Mannschaftssport. Bierbecher hoch, Texte laut, Hemmungen weg. Das Ding funktioniert wie ein kollektiver Tresenmoment. „Lichtermeer“ bringt danach kurz mehr Weite hinein, fast so etwas wie emotionale Luft zwischen all dem Wahnsinn, bevor „Koboldkeilerei“ wieder komplett nach vorne geht – laut, direkt, ohne Bremse und auf die Fresse. Und genau so muss das enden.
Zwischen Seemannsgarn, Feuerwerk und kollektivem Kontrollverlust
Dann gehen die Lichter runter. Ein kurzer Moment dieses typischen Konzertatemholens entsteht – dieses Sekundenloch zwischen Erwartung und Einschlag. Dann kommt „Der Tag mag kommen“ und macht sofort klar, dass Versengold heute nicht auf halber Kraft fahren. Nicht geschniegelt, sondern mit Charme und Selbstironie. Direkt danach folgt „Klabauterfrau“, und spätestens jetzt kippt die Halle endgültig Richtung Hafenkneipe mit Bühnenlicht. Die ersten Reihen singen schon lauter als nötig, Bierbecher kreisen, Arme gehen hoch. Mit „Der Tag, an dem die Götter sich betranken“ wird das Ganze noch breiter. Danach bringt „Solange jemand Geige spielt“ eine andere Farbe hinein: weniger Tresen, mehr Herz. Dieser Wechsel macht Versengold stark. Sie können grölen und im nächsten Moment treffen. „Die halbe Welt“ und „Falscher Leuchtturm“ ziehen das Set weiter mit dieser typischen Mischung aus Fernweh und bittersüßer Romantik. Folkrock, der nicht geschniegelt auf Fantasy macht, sondern nach echter Straße klingt. Danach sorgt „The Devil Is a Barmaid“ wieder für mehr Schmutz unter den Fingernägeln – laut und charmant. Mit „Krug voll Mondenschein“ wird die Halle fast kurz weich, bevor „Feuergeist“ das Gegenteil erledigt. Hier beginnt auch visuell die nächste Stufe: Pyro schießt hoch, Flammen reißen kurz durch die Bühne, und plötzlich sieht die Alsterdorfer Sporthalle aus wie eine Taverne, die jemand aus Versehen angezündet hat. Spätestens bei „Niemals sang- und klanglos“ ist klar: Hier geht heute niemand still nach Hause. Konfetti regnet, Luftschlangen fliegen durch die Halle, und das Publikum nimmt jede Einladung dankbar an.
Wenn plötzlich alle Teil der Bühne werden
Für „Verliebt in eine Insel“, „Erde“ und „Dans op de Deel“ verschiebt sich das komplette Konzert plötzlich in die Mitte der Halle. Malte Hoyer, Florian Janoske an der Violine und Daniel Gregory an der Gitarre stehen dort – mittendrin, umringt von Publikum, ohne Sicherheitsabstand, ohne klassische Bühne. Zuschauer drehen sich um, Handys gehen hoch, aber viel stärker noch: dieses ehrliche Staunen, wenn eine Halle für ein paar Minuten ihren kompletten Fokus neu sortieren muss. Das verändert alles.
Zurück auf der Hauptbühne schlägt „Hey Hanna“ wieder härter ein. Keine lange Übergangsphase – Versengold drücken sofort weiter nach vorne. Mit „Eingenordet“ bekommt die Tour ihren programmatischen Mittelpunkt. Der Song fühlt sich live nicht wie ein Titel an, sondern wie eine Haltung. Heimat ohne Kitsch, Norden ohne Postkartenromantik, dafür mit Ecken, Wetter und ehrlicher Lautstärke. „Klopapier“ sorgt danach für genau den herrlich absurden Moment, den eine gute Versengold-Show braucht. Humor gehört nicht als Gag dazu, sondern ist Teil des Ganzen. Danach folgt mit „Haut mir kein‘ Stein“ noch einmal dieser kraftvolle Schlag zwischen Trotz, Zusammenhalt und kollektiver Stimme. „Kobold im Kopp“ beendet den regulären Setblock mit der richtigen Mischung aus Chaos und Grinsen. Noch einmal volle Bewegung, noch einmal alles nach vorne. Aber natürlich ist noch nicht Schluss.
Fass, Wein und ein verdammt geiler Abschied
Für die Zugabe wird es noch einmal besonders. Bei „Ich und ein Fass voller Wein“ stehen Malte Hoyer und Eike Freese nicht auf der großen Bühne, sondern auf einer Box mitten im Publikum. Der Song lebt von Nähe, von diesem Tresen-Gefühl, von Gemeinschaft. Hier oben gibt es keine klassische Show mehr, nur noch Mitsingen, Lachen, Arme umeinander und dieses Gefühl, dass eigentlich niemand möchte, dass der Abend endet. Zum Schluss folgt „Butter bei die Fische“, ebenfalls mitten in der Menge, diesmal mit Eike auf der Box wie ein norddeutscher Prediger des gepflegten Wahnsinns. Um ihn herum bildet sich Bewegung. Erst locker, dann schneller. Ein Circle-Pit entsteht – nicht aggressiv, sondern genau in dieser Versengold-Art: laut, wild, aber mit einem breiten Grinsen. Eike steht da oben und dirigiert das Ganze fast schon, feuert an, treibt nach vorne, lässt den Song wachsen.
Wenn ein Konzerttitel wie „Eingenordet“ ein finales Ausrufezeichen braucht, dann genau so. Nicht geschniegelt. Nicht perfekt. Sondern ehrlich. Und genau deshalb bleibt es hängen.
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann
Setlist Kupfergold
„Fasan Alarm“ • „Kupfer und Gold“ • „Und ’n Tripper“ • „Muschelbusen“ • „Der Klügere kippt nach“ • „Lichtermeer“ • „Koboldkeilerei“
Setlist Versengold
„Der Tag mag kommen“ • „Klabauterfrau“ • „Der Tag, an dem die Götter sich betranken“ • „Solange jemand Geige spielt“ • „Die halbe Welt“ • „Falscher Leuchtturm“ • „The Devil is a Barmaid“ • „Krug voll Mondenschein“ • „Feuergeist“ • „Niemals sang- und klanglos“ • „Verliebt in eine Insel“ • „Erde“ • „Dans op de Deel“ • „Hey Hanna“ • „Eingenordert“ • „Klopapier“ • „Thekenmädchen“ • „Haut mir kein‘ Stein“ • „Kobold im Kopp“ ••• „Ich und ein Fass voller Wein“ • „Butter bei die Fische”
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