So war es beim PLAGE NOIRE 2025!

14. bis 15. November 2025 am Weissenhäuser Strand
Wintermeer mit Schwarz als Heimat
Das Plage Noire ist kein Sommerfestival, das sich in Herbstfarben tarnt – es war von Anfang als Festival mit Winterromantik und kalter Luft, die warm klingt, konzipiert. Seit Jahren gehört dieses Treffen am Weissenhäuser Strand zur festen Landkarte der schwarzen Szene: Ferienanlage, Meeresluft, kalte Wege zwischen den Locations – und drinnen Wärme, Nebel, Lichtkegel. Man checkt ein wie im Urlaub und kommt heraus wie nach einer intensiven Nacht, die man nicht erklären kann, ohne ein Lächeln auf den Lippen. Und so verbrachten wir zwei Tage, die die Ostsee nicht wärmer machten – aber die Menschen. Das Publikum: szenefest, stilbewusst, freundlich, konzentriert. Keine Partymeute, sondern vielmehr ein Kollektiv aus Kennern. Zwischen den Bühnen, Merchständen und Getränkebars: Umarmungen, stürmische Wiedersehen – und so viele Gründe, warum wir das hier „Zuhause“ nennen.
Tag 1 – Wenn die Ostsee schwarz trägt
Asbury Heights eröffneten im großen Festivalzelt mit elegantem, bittersüßem Synth-Pop, der wie Neon auf nasser Straße wirkte – kühl im Sound, warm im Bauch. Man spürte sofort: Hier geht’s nicht um Lautstärke, sondern um Stimmung. Später kamen Das Ich und rissen den Raum mit dieser unverwechselbaren Mischung aus Theater, Abgrund und Ironie auf. Worte wie Klingen, Gesten wie Schatten – und ein Publikum, das jede Nuance kannte.
Gothminister folgten wie ein düsterer Comic, der plötzlich lebendig wurde: Masken, Drama, ein wuchtiger Drive. Der Beat stampfte, als wolle er das Ferienpark-Lächeln aus den Wänden prügeln – und genau dafür liebte man es. Dann [:SITD:]: präzise, druckvoll, eiskalt im besten Sinne. Basslinien wie Stahlträger, Sequenzen wie Maschinenatem – und vor der Bühne Köpfe, die im Takt nickten, als wäre das eine gemeinsame Sprache. Es folgte Letzte Instanz, die das Publikum mit rauer Wärme abholten: Folk Rock, Rock’n’Roll-Herz, diese ehrliche Direktheit, die auch im schwarzen Kosmos funktioniert. Plötzlich sangen Leute mit, die eben noch zu EBM marschiert waren – und es fühlte sich vollkommen richtig an.
Die Freitag-Headliner im Wintermantel
Deine Lakaien ließen die Zeit langsamer werden. Ernst Horn baute Räume aus Klang, Alexander Veljanov füllte sie mit seiner einzigartigen Stimme. Zwischen Licht und Schatten schwebten Songs wie alte Briefe: elegant, melancholisch, unkaputtbar. Und genau da zeigte das Plage Noire, warum es dieses Festival gibt – weil hier nicht nur getanzt, sondern auch gefühlt werden darf.
VNV Nation setzten zum Abschluss den Gegenpol: Energie, Hoffnung, kollektiver Herzschlag. Ronan Harris traf diesen seltenen Punkt zwischen Pathos und Aufrichtigkeit, ohne kitschig zu werden – eine Art Aufrichten im Takt. Der Raum sprang, jubelte, sang, als würde man gemeinsam etwas reparieren, das draußen längst wieder bricht. Und als das Set endete, blieb dieses Gefühl: Wir sind nicht allein mit dem, was uns bewegt.
Tag 2 – Gekommen für die Dunkelheit
Der Samstag startete mit Eden Weint im Grab und ihrer dunklen Poesie, die wie Kerzenwachs über den Raum lief: morbide und schön – genau so, wie es sein muss. Beasto Blanco folgten mit Glam-Schmutz und Rock-Attitüde, und vermittelten ein Gefühl von Club statt Küste. Glitzer traf Dreck – und alle grinsen trotzdem schwarz.
Dann Future Lied to Us: modern, treibend, leicht futuristisch, als hätten sie die Nacht einmal durch einen Synthesizer gezogen. Es folgte Lacrimas Profundere, die Melancholie in schwere Gitarren gossen – Herzschmerz, aber mit Biss. Neuroticfish brachten Bewegung in die Beine, ohne den Kopf auszuschalten: klare Elektronik, tanzbar, scharf. Frozen Plasma legten später nach – hymnisch, strahlend im Dunkel, als würden die Refrains kurz die Wolken auseinanderziehen.
Veljanov wirkte wie ein stiller Magnet: keine Übertreibung, nur Präsenz. Seine Stimme schwebte über den Köpfen, und plötzlich war wieder dieses „Lakaien“-Gefühl im Raum – nur intimer. Suicide Commando rissen danach alles auf, was eben noch elegant war: Aggression, Druck, diese brachiale Clubwucht, die man nicht hübsch findet, sondern braucht. Der Boden vibrierte, als hätte man die Küste in ein Bunkersystem verwandelt.
Oomph! folgten mit Wucht und großer Geste – Rock/NDH-Energie, die den Raum zum Kochen brachte.
Die Samstag-Headliner mit schwarzem Puls
Danach Schandmaul: ein unerwartet warmes Lagerfeuer im Winter, Folk und Melodie, Mitsingen mit rauer Stimme, lächelnde Gesichter trotz Schwarz. Schandmaul zeigten, wie gut sich Geschichten erzählen lassen, wenn man sie nicht glattbügelt. Zwischen Tanz, Pathos und Humor blieb immer diese Hand am Herzen, die sagt: „Wir meinen das so.“ Drei, vier Songs – und Du warst drin in einer Welt aus Figuren, Fernweh und kleinen Fluchten. Und ja: Selbst am Weissenhäuser Strand konnte man sich für Minuten fühlen wie in einer anderen Zeit.
Dann Nitzer Ebb – und plötzlich war alles wieder Kante. Kein Schmuck, kein romantischer Ausweg, nur Rhythmus, Körper, Befehlston. Diese Band wirkte nicht wie Nostalgie, sondern wie eine Erinnerung daran, wie hart und kompromisslos EBM sein kann, wenn er nicht nach Retro riecht, sondern nach Jetzt. Der Raum wurde zu einem einzigen, kollektiven Stoß – und man merkte: Manche Musik ist keine Unterhaltung, sie ist eine Disziplin.
Worte als Bühne
Zwischen all dem Lärm und Licht gab es Räume, in denen man anders atmete. Christian von Aster las mit diesem schrägen Charme, der Dunkelheit nicht nur ernst nimmt, sondern ihr auch ein Augenzwinkern schenkt. Markus Heitz brachte Wucht und Erzähltrieb, als würde er Welten aus dem Ärmel schütteln. Isa Theobald schließlich setzte einen leiseren, intensiveren Kontrast – Worte, die nicht schreien, aber bleiben.
Stoffe, Schnitte, Haltung – Mode als zweite Sprache
An beiden Festivaltagen wurde das Plage Noire zudem zur Laufsteglandschaft. Die Fashion Walks spannten einen Bogen von tragbarer Szene-Mode bis hin zu expressiver Haute-Gothic-Couture. Mond Mädchen Couture spielte mit Dramatik und Poesie, Re-Agenz zeigte klare Linien und industrielle Kühle, während Latex Fashion Design Körperlichkeit und Provokation selbstbewusst nach vorn trug. Darkdream Collection ließ dunkle Romantik fließen, und Yourshape verband Form, Individualität und Szeneästhetik zu beweglichen Statements. Mode wurde hier nicht präsentiert – sie wurde gelebt.
Das Festivalgefühl rundete sich darüber hinaus organisch ab: durch lange Aftershowpartys, das traditionelle Gruppenfoto der Besucher am sogenannten „schwarzen Strand“, Feuershows, das intensive Bodypainting von Ira Ott und eine Vielzahl an Händlern, bei denen man stöbern, entdecken und verweilen konnte
Abreise mit Sand in den Schuhen und Songs im Kopf
Plage Noire 2025 war kein Wochenende, das man „gemacht“ hat. Es war ein Zustand: Meeresbrise draußen, Dunkelglanz drinnen, Szene überall. Ein Festival, das beweist, dass Dunkelheit nicht kalt sein muss. Dass man sich im November finden kann – zwischen Meer, Lichtkegeln und diesem besonderen Gefühl, Teil von etwas zu sein. Und wenn man am Ende wieder Richtung Heimat rollte, blieb der Strand hinter einem zurück – aber das Echo, das Gefühl im Herzen blieb vorn im Brustkorb.
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann





























































































































