So war es bei ROME

03. November 2025, Hamburg, Nochtspeicher
Geschichte atmet leiser als Lärm
Es gibt Stimmen, die nicht laut werden müssen, um zu wirken. Sie tragen Geschichte in sich – nicht nur Worte, sondern Spuren, Schatten, Erinnerungen, die nicht vergehen – auch wenn Jahrzehnte verstrichen sind. Jérôme Reuter ist eine solche Stimme. Sein Projekt ROME ist ein Archiv aus Herz, Asche und nicht verhandelbarer Würde. Keine Pose, keine Inszenierung. Nur Wahrheit – weder flüsternd noch schreiend, sondern einfach da.
Und so kam man an diesem Abend nicht wegen Spektakel in den Hamburger Nochtspeicher. Nicht für Rausch, nicht für Ausbruch. Man kam, weil Erinnerung manchmal eine Stimme braucht. Weil die Welt laut schreit – aber Wahrheit leise spricht. Und weil ROME seit Jahren genau diese Sprache pflegt: eine, die nicht zwingt, nicht überredet, sondern bleibt.
Der Nochtspeicher, fast ausverkauft. Ein Raum aus Backstein und gedämpfter Wärme. Ein Raum, der zuhört. Ein Raum, der funktioniert, weil die Stille zwischen den Tönen genauso trägt wie die Musik selbst. Mit Zuhörern, die kamen, um zu hören. Zu wissen, dass Geschichte nicht vorbei ist, nur weil sie im Buch zu Ende erzählt wird. Auf der Bühne: Jérôme Reuter, Stimme, Akustikgitarre und Trommel, ruhig und unaufdringlich. Neben ihm Yannick Dalscheid – Bass, Percussion, Erdung, Puls. Und Michel Spithoven, neu seit dem NCN-Festival mit auf Tour, am Schlagzeug. Präzise, kontrolliert, nie zu viel. Drei Menschen. Ein Klangkörper. Keine Pose. Kein Übermaß. Nur Gegenwart!
Wir hatten ROME zuletzt auf dem NCN-Festival erlebt – unter freiem Himmel, zwischen schwarz gefühlten Bäumen und spätsommerlicher Dunkelromantik. Dort war der Klang weit. Hier war er nah. Wie ein Atem am Ohr.
Europa hat ein Herz – aber es schlägt schwer
Der Abend öffnete sich nicht abrupt, sondern mehr wie eine alte Tür, die man längst kannte. „First We Take Berlin“ begann nicht als Kampfansage oder Parole, sondern als Erinnerung an Städte, die zu Symbolen wurden, an Kriege nicht als Triumph, sondern als Wunde. Eher eine Erinnerung daran, wie Städte fallen, und wie Menschen in ihnen weiteratmen. Nicht nur gestern, sondern auch im Heute. „Eagles of the Trident“ erhob sich trommelnd daraus wie ein Banner im Wind – aber niemand hier brauchte Banner. Der Song blieb kein Ruf zur Erhebung, sondern eine Betrachtung von Macht, die nie sauber ist. Ein Lied wie eine Haltung, aber ohne erhobene Stimme. Mit „La France Nouvelle“ wurde der Atem im Raum langsamer. Worte wie Marmor, schwer, hell, alt. Keine Nostalgie. Der Song vom aktuellen Album „Civitas Solis“ brachte jene seltsame Mischung aus Erschöpfung und Hoffnung, die in ROME-Stücken oft nebeneinandersteht: Die Zukunft mag unsicher sein, aber sie ist noch nicht verloren.
„Sons of Aeeth“ war ein Wiederkehren, ein Erinnern an frühere Tage von ROME – an jene Lieder, die wie alte Briefe wirken: vergilbt, aber unvergessen. Dann ein Moment wie ein Riss im Zeitgewebe: „Todo Es Nada“. Alles ist nichts. Nichts ist alles. Eine Zeile, die im Raum hing, als wisse jeder hier genau, wovon gesprochen wird. Die Worte lagen klar im Raum, ohne Härte, aber mit Gewicht. „Families of Eden“ berührte das Menschliche im Bruch: Wir gehören zusammen, aber wir bleiben verletzlich. Jérômes trommeln war hier nicht Rhythmus, sondern Herzschlag. Und dann: „Stars and Stripes“ – zum ersten Mal live. Keine Ankündigung. Kein feierlicher Moment. Nur ein neuer Song, der sich vorsichtig in den Raum zu einer Geschichte, die sich noch schreibt, stellte. Man spürte, dass wir etwas mitbekamen, das sich erst später erklären lässt. Ein Lied, das nicht fragte, sondern wartete. Und wir hörten. Still.
Die Nähe, die trägt
„Neue Erinnerung“ kam wie ein langsames Zurückkehren zu etwas, das man nicht aussprechen kann. Keine Nostalgie – eher ein Erwachen in einem Raum, den man vergessen wollte und doch so genau kennt. Jérômes Stimme war weich, mit sanfter Schwere, aber voller Gewicht. „In Brightest Black“ war Licht im Dunkel, aber kein helles, das blendet – sondern eines, das unter der Haut bleibt. Wie das matte Glimmen einer Glut, die sich weigert zu verlöschen. „Kali Yuga Über Alles“ brachte die Schwere zurück, aber nicht als Dunkelheit, die erdrückt. Eher wie eine Zeit, die sich selbst betrachtet. Reuter schlug nicht hart auf seine Trommel – er zählte. Jede Bewegung war Bewusstsein. Geschichte als Kreis, nicht als Linie in einer Zeit, die sich selbst verschlingt.
Dann ein kaum sichtbarer Riss: „Ächtung, Baby!“ Ein halbes Lächeln. Ein kurzes Aufatmen inmitten der Tragweite. „Submission“ senkte die Schultern. Ein Lied, das nicht nachgibt, sondern versteht, dass Kapitulation manchmal ein Akt von Stärke ist und Unterwerfung kein Nachgeben, sondern ein Verstehen. Ein Andenken daran, dass Aufrichtung manchmal leise geschieht. Bei „Who Only Europe Know“ veränderte sich die Luft und der Raum wurde schwerer. Europa als Erinnerung, Ideal, Fragment – nicht als Kontinent – es war eine Frage. Eine Wunde. Ein Vermächtnis, das niemand abschütteln kann. Kein Wort zu laut. Kein Blick zu direkt.
„One Lion’s Roar“ schließlich war kein Aufschrei, sondern ein inneres Aufstehen. Kein Ruf nach Macht, sondern nach Würde. Ein Zeichen, dass selbst in Zeiten der Zertrümmerung etwas aufrecht bleibt. Ein Lied wie ein Schritt, den man nicht zurücknimmt.
Und nun wurde es still. Eine Stille, die nicht leer war – sondern voll. Mit allem, was gesagt wurde, und allem, was ungesagt bleiben musste. Die laut geforderte Zugabe begann leise. Nackt. Verletzlich. Ein Raum, der hört.
Als Jérôme allein zurückkehrte, veränderte sich die Temperatur des Raumes. Keine Inszenierung. Kein Konzept.
Nur Stimme, Atem und Holz. „Celine in Jerusalem“ stand nackt im Raum. Nur Stimme und Saiten, keine Bewegung, kein Gestus. Ein Lied wie ein Gebet an Orte, die man nicht bereisen kann, ohne etwas zurückzulassen. –Wunden, die offen bleiben, ohne zu bluten. Gebete, die mehr in uns liegen als auf Karten.
„Vaterland“ kam ohne Pathos, ohne Fahne, ohne Forderung. Hier war Vaterland nicht Nation, sondern Herkunft, Schmerz, Verlust, Zugehörigkeit, die nie ganz freiwillig ist. „Vaterland“ war das, was weh tut und dennoch getragen wird. Herkunft als Wunde, nicht als Banner. Bei „On Albion’s Plain“ spürte man dieses leise Wiedererkennen, als hätte etwas im Raum angehalten, um zuzuhören, ob wir es wirklich hören wollen. „The Twain“ schließlich spannte einen leisen Faden aus Atem und Erinnerung, aus Vergangenheit und dem Jetzt, ohne Erklärung, ohne Abschluss.
Dann – kein Bruch. Nur ein gemeinsamer leiser Rhythmus. Die Band kehrte zurück. Nicht, um zu steigern, sondern um zu erden. „Der Wolfsmantel“ brachte wieder Körper in den Raum. Ein Schritt auf den Boden, zurück in das, was greifbar ist. „Uropia O Morte“ stellte die Frage, die jeder kennt und kaum jemand laut ausspricht: Was bleibt von einer Idee, wenn die Welt weitergezogen ist? „One Fire“ glühte. Keine Flamme, kein Funkenflug. Eher ein weiterglimmendes Herz, das nicht erlischt, selbst wenn es schon lange geschlagen hat. Und „Swords to Rust – Hearts to Dust“ schloss nicht. Es ließ offen. Wie Erinnerung. Wie Geschichte. Wie all das, was uns begleitet, wenn wir die Tür hinter uns schließen.
Fazit
ROME im Nochtspeicher war kein Konzert. Es war ein Gedenken. Ein Erinnern ohne Denkmal. Ein Erwärmen der Hände an etwas, das nicht vergeht. Die Stille war nicht leer – sie war voll. Ein Raum, in dem niemand sich beweisen musste. Ein Abend, der nicht erklang, um zu beeindrucken, sondern um zu bleiben.
Setlist:
„First We Take Berlin“ • „Eagles of the Trident“ • „La France Nouvelle“ • „Sons of Aeeth“ • „Todo Es Nada“ • „Families of Eden“ • „Stars and Stripes“ • „Neue Erinnerung“ • „In Brightest Black“ • „Kali Yuga Über Alles“ • „Ächtung, Baby!“ • „Submission“ • „Who Only Europe Know“ • „One Lion’s Roar“ ••• „Celine in Jerusalem“ • „Vaterland“ • „On Albion’s Plain“ • „The Twain“ • „Der Wolfsmantel“ • „Uropia O Morte“ • „One Fire“ • „Swords to Rust“
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann – schreibt dort, wo Stille beginnt.
In unserer Winterausgabe führen wir ein Interview mit Jérôme:

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