So war es bei SUBWAY TO SALLY

10. April 2026, Hamburg, Markthalle
Akustische Narben, alte Geister und ein Finale für die Ewigkeit
Subway to Sally stehen für Wandel ohne Verrat, für Druck mit Geist, für Lieder, die nach Rauch, Eisen, Begehren, Zorn und verlorenen Träumen klingen. Seit den frühen Neunzigern ziehen sie ihre Spuren durch die schwarze Szene – mal als Spielleute zwischen Markt und Mythos, mal als kantige Erzähler mit scharfem Blick. Sie erzählen Geschichten, die sich festsetzen. Und manchmal zurückbeißen. Mit „NACKT III – Lügen & Legenden“ kehrt ein Konzept zurück, das schon immer mehr war als eine bloße Reduktion auf akustische Instrumente. Es ist ein Kontrollverlust mit Ansage. Ein Abend, an dem nichts hinter Verstärkern verschwindet. Keine Wand, kein Schutz, keine Ausrede. Nur Songs und Geschichten. – Gerade darin liegt der Reiz dieser Tour. Wer Subway to Sally nur als donnernde Live-Macht zwischen Dudelsack, Riffkante und hymnischem Furor kennt, erlebt hier nicht einfach eine „ruhigere“ Version. Diese Konzerte ziehen den Liedern die Rüstung aus – aber nicht ihre Zähne. Was übrig bleibt, ist keine brave Lagerfeuerromantik, sondern ein Abend voller Risse, Nähe und Charakter.
Akustisch? Ja. Harmlos? Nicht eine Sekunde
Die Markthalle ist ausverkauft. Dicht. Erwartungsvoll. Und doch wirkt das, was sich auf der Bühne zeigt, zunächst fast entschleunigt. Hohe Stühle mit überlangen Rückenlehnen stehen dort – keine Möbel, eher minimalistische Thronfragmente. Jeder Platz ein eigener Kosmos. Kein hektisches Umherlaufen, kein überladener Aufbau. Alles richtet sich auf die Menschen, das Spiel, auf Präsenz.
Mittendrin: Ally Storch, die auf einem der Stühle sitzt. Ihr Kleid ist tiefrot, weit fallend, unten ausufernd, fast wie ein aufgebrochener Blütenkörper aus Stoff und Tüll. Es lebt, selbst wenn sie sich kaum bewegt. Und darüber legt sich der Klang ihrer Violine. Eric Fish bildet dazu – ganz in Schwarz gekleidet, das Gegenstück. Er bewegt sich zwischen den Figuren, greift zu Flöten und anderen Blasinstrumenten, lässt den Gesang los, nimmt ihn wieder auf, verschiebt Rollen, ohne dass es wie ein Wechsel wirkt. Eher wie ein Atmen. Ein Kreislauf.
Genau diese Mischung aus Theater, Konzert und beinahe intimer Erzählrunde ist kein Zufall. Die Tour bewegt sich bewusst zwischen Wohnzimmer und Bühne, zwischen Poesie und Spielfreude. Hamburg bekommt davon die volle Dosis.
Songs, die näher kommen
Der Einstieg mit „Lacrimae ’74 / Feuerkind“ zieht die Halle sofort zusammen. Kein Druck von außen, sondern ein Sog nach innen. Eric Fish im Zentrum, die Stimme rau, greifbar – später die Flöte, die sich unaufdringlich dazwischenschiebt und dem Ganzen eine zweite Ebene gibt. Danach legt „Eisblumen“ diese kalte, klare Schönheit über den Saal, während Ally Storch mit ruhiger Präzision spielt. Ihr rotes Kleid bleibt ein visueller Gegenpol – warm im Bild, kühl im Klang. Später bringt „Auf dem Hügel“ eine kurze Entlastung, bevor „Böses Erwachen“ wieder dichter wird. Nicht lauter, sondern enger. Man spürt, wie sehr diese Songs ohne elektrische Wand von Rhythmus, Stimme und Körpersprache leben. Es folgt „Herrin des Feuers“, getragen von kontrollierter Glut. Danach zieht „Traum vom Tod II“ den Abend tiefer – dunkler, langsamer, tastender. Mit „Minne / Herz in der Rinde“ kippt alles ins Intime. Die Bühne schrumpft gefühlt, rückt näher, wird fast privat. Danach bringt „Mitgift“ wieder Gewicht hinein, während Fish zwischen Stimme und Instrument wechselt und den Fluss subtil verschiebt. „Das Rätsel II“ flackert wie ein Echo alter Geschichten, bevor „Kleid aus Rosen“ einen dieser seltenen Momente setzt. Obwohl nichts Spektakuläres passiert, passiert alles. Man merkt, wie still eine Halle werden kann, ohne an Spannung zu verlieren. „Was ihr wollt“ löst das mit einem leicht spöttischen Unterton, bevor „Weit ist das Meer“ einen notwendigen Atemzug vor der Pause bietet.
Zweite Hälfte: mehr Kante, mehr Bewegung
Nach der Pause wirken „Wenn Engel hassen“ und „Leinen los“ bewegter, fast drängender. Eric Fish arbeitet stärker mit dem Raum, mit Blicken, mit Gesten – während die Instrumente nicht mehr tragen, sondern treiben. Kein Hochdrehen. Eher ein konsequentes Nach-vorne-Schieben. „Unsterblich“ legt sich danach wie ein vertrauter Schatten über die Halle – groß, aber nie pathetisch. Eher getragen von diesem stillen Wissen, dass manche Songs einfach bleiben. Dann wird es schärfer. „Krähenfraß / Krähentanz“ bringt Dreck zurück in den Abend. „Henkersbraut“ zieht die Spannung enger, fast unangenehm nah. Hier zeigt sich die Stärke des Konzepts: Die Songs verlieren nichts – sie gewinnen Direktheit. „Post Mortem“ wirkt fast zu nah, als würde der Song nicht mehr über Distanz funktionieren, sondern über das, was zwischen den Tönen passiert. Mit „Falscher Heiland“ kommt wieder diese trockene, spöttische Härte, bevor „Die Ratten“ das Ganze leicht ins Giftige kippen lässt – ein kurzer, bissiger Ausschlag. „Arche“ baut sich langsam auf, getragen von Atmosphäre statt Masse. Und dann das Medley aus „Sag dem Teufel / Ohne Liebe / Tanz auf dem Vulkan“ – ein Spiel mit der eigenen Vergangenheit, das nicht nostalgisch wirkt, sondern wach. Erinnerung als Bewegung, nicht als Stillstand.
Ritual statt Zugabe
Die letzten Meter gehören den Songs, die längst mehr sind als nur Setlist-Punkte. „Sieben“ kommt nicht als Hymne, sondern gleicht vielmehr einem Ritual. Man spürt, wie der Track den Raum übernimmt, ohne ihn zu überfahren. „Veitstanz“ reißt danach alles auf. Nicht chaotisch, sondern kontrolliert eskalierend. Ein Kreisen, ein Ziehen, ein Drängen – bis man nicht mehr draußen steht, sondern mittendrin. Mit „Maria“ wird es ruhiger und näher. Ein Song, der nicht wirken will – und genau deshalb wirkt. Und dann bleibt kein Zweifel mehr, wie dieser Abend enden muss. „Julia und die Räuber“. Ein Stück, das sich jeder Erklärung entzieht, weil es längst Teil eines kollektiven Gedächtnisses ist. Hier wird nicht mehr beobachtet – hier wird getragen. Von Stimmen, von Erinnerungen, von dieser eigenartigen Mischung aus Rausch und Vertrautheit. Dieser Song funktioniert immer – aber in diesem Setting wirkt er noch größer. Kein Druck von außen. Nur Energie von innen.
Fazit
Subway to Sally haben in Hamburg nichts „reduziert“, keinen „besonderen“ Abend gespielt. Sie haben einen ehrlichen gespielt. Die Bühne wie ein minimalistischer Thronsaal. Ally Storch als visuelles und musikalisches Zentrum in Rot. Eric Fish als wandelnde Erzählinstanz zwischen Stimme und Instrument. Und Songs, die sich nicht mehr verstecken können. „NACKT III – Lügen & Legenden“ zeigt eine Band, die sich nicht hinter ihrer Geschichte verbirgt, sondern sie auseinandernimmt, neu zusammensetzt – und genau weiß, wann sie sich selbst ernst nimmt und wann sie sich ein Grinsen erlaubt.
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann
Setlist:
„Lacrimae ’74 / Feuerkind“ • „Eisblumen“ • „Auf dem Hügel“ • „Böses Erwachen“ • „Herrin des Feuers“ • „Traum vom Tod II“ • „Minne / Herz in der Rinde“ • „Mitgift“ • „Das Rätsel II“ • „Kleid aus Rosen“ • „Was ihr wollt“ • „Weit ist das Meer“ – 20 Minuten Pause – • „Wenn Engel hassen“ • „Leinen los“ • „Unsterblich“ • „Krähenfrass/Krähentanz“ • „Henkersbraut“ • „Post Mortem“ • „Falscher Heiland“ • „Die Ratten“ • „Arche“ • „Sag dem Teufel / Ohne Liebe / Tanz auf dem Vulkan (Medley)“ • „Sieben“ • „Veitstanz“ ••• „Maria“ • „Julia und die Räuber“
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