THE HARDKISS im Interview (Teil 1/2)

Wir sprechen mit Julia Sanina von The Hardkiss in unserem zweiteiligen Interview über das neue Album „Grey Hound“, kalten Beton, das Konzept „Zeit“ und die Veränderungen, die sie im Laufe des 15-jährigen Bestehens der Band miterlebte.
Orkus: Wann habt ihr mit der Arbeit an eurem neuen Album „Grey Hound“ begonnen und wie ist der Entstehungsprozess verlaufen?
Julia Sanina: Die Arbeit an „Grey Hound“ begann Anfang 2025. Nach einer sehr erfolgreichen Europatournee beschlossen wir, eine Pause einzulegen, um unsere kreative Ausrichtung zu überdenken, die nächsten Schritte zu planen und uns auf das Schreiben neuer Musik zu konzentrieren. Die Songs kamen praktisch sofort, und am Ende verbrachten wir mehr als ein Jahr mit der Entstehung des Albums.
Tatsächlich war es das erste Mal in unserer Karriere, dass wir alle anderen Aktivitäten vollständig pausierten, um uns ausschließlich auf das Schreiben und Aufnehmen neuer Musik zu konzentrieren. Diese Entscheidung trafen wir ganz bewusst, weil wir wollten, dass sich das Album sowohl konzeptionell als auch klanglich wie ein geschlossenes Werk anfühlt. Jeder Song sollte Teil derselben Geschichte und derselben musikalischen Welt sein.
O: Warum habt ihr den Titel „Grey Hound“ gewählt und welche Rolle spielt das Motiv der Zeit im Konzept des Albums?
JS: Als wir begannen, über das Konzept des Albums und unsere damalige Gefühlslage nachzudenken, war das Erste, was uns in den Sinn kam, die Farbe Grau. Grau fühlte sich an wie die Farbe einer ungewissen Zukunft, die Farbe von kaltem Beton.
Während sich das Konzept weiterentwickelte, wurde uns klar, dass das Album eine zentrale Figur brauchte – jemanden, dessen Perspektive die Hörer durch die Geschichte führt. Schon lange faszinierte mich die Idee der Zeit als Heilerin menschlicher Seelen. Menschen erzählen uns oft, dass unsere Songs ihnen helfen, schwierige Phasen ihres Lebens zu überstehen. In vielerlei Hinsicht tut die Zeit dasselbe. Sie hilft uns zu heilen und weiterzugehen, obwohl wir sie manchmal als Feind betrachten
Als diese Idee entstand, begann ich mit Worten zu spielen und nach einem Titel zu suchen, der diese Vorstellung von Zeit auf metaphorische Weise einfängt. So kam mir der Ausdruck „Grey Hound“. Einerseits erinnert er an einen grauen Verfolger, etwas, das uns ständig verfolgt. Andererseits verweist er auf den Greyhound, die schnellste Hunderasse der Welt. Genau wie die Zeit ist er sowohl unser treuer Begleiter als auch etwas, das unmöglich einzuholen ist.
O: Wie entstand die Idee, aus „Grey Hound“ ein zusammenhängendes Konzeptalbum zu machen?
JS: Heutzutage ist es für Musiker fast schon ein Luxus, ein Album zu machen. Im Zeitalter von TikTok und schnell veröffentlichten Singles ist die Entscheidung für ein komplettes Album ein mutiger Schritt. Aber wir fühlten uns bereit dafür. Noch wichtiger war, dass wir es kreativ brauchten
„Grey Hound“ ist unser fünftes Album, und wir wollten, dass es etwas Besonderes wird. Es ist ein Album, das man von Anfang bis Ende erleben soll. Als Ganzes gehört, entfaltet es sich zu einer atmosphärischen und sehr filmischen Geschichte.
Visuelles Storytelling war schon immer ein wesentlicher Bestandteil von The Hardkiss, und dieses Album bildet da keine Ausnahme. Wir haben bereits sieben Musikvideos veröffentlicht, die mit „Grey Hound“ verbunden sind, und alle folgen demselben Konzept. In diesen Videos sieht man eine geheimnisvolle Figur in Grau – die Verkörperung der Zeit selbst, unseren „Grey Hound“.
Wir haben bewusst viele Hinweise, Symbole und unbeantwortete Fragen sowohl in der Musik als auch in den visuellen Elementen hinterlassen. Wir wollten, dass die Hörer sie entdecken, die Zusammenhänge erkennen und die tieferen Ebenen der Geschichte selbst entschlüsseln.
O: Zeit ist eines der zentralen Themen des Albums. Welche persönliche Bedeutung hat Zeit für dich?
JS: Als Ukrainerin empfinde ich vieles von dem, was heute mit uns und in gewisser Weise auch mit der Welt um uns herum geschieht, als absurd. Es wirkt wie eine Welt ohne Regeln, ohne Prinzipien und ohne Gerechtigkeit. Und wenn man das wirklich begreift, tut es weh.
Für mich gehört die Zeit zu den wenigen Dingen, die helfen, alles in die richtige Perspektive zu rücken. Sie hilft uns zu verarbeiten, was geschieht, das Unveränderliche zu akzeptieren und die Kraft zu finden, weiterzugehen. Sie nimmt den Schmerz nicht weg, aber sie ermöglicht es uns, mit ihm zu leben. In vielerlei Hinsicht wurde diese Idee zu einem der emotionalen Fundamente von „Grey Hound“.
O: Wie läuft der Songwriting-Prozess bei The Hardkiss normalerweise ab?
JS: Val und ich sind die Autoren aller Songs auf dem Album. Wir schreiben beide Demos, die wir anschließend gemeinsam weiterentwickeln. Ich denke, deshalb hört man immer noch die beiden Seiten, die The Hardkiss seit jeher ausmachen: das „Hard“, das von Val kommt, und das „Kiss“, das von mir kommt.
Die Songs, die ich mitbringe, sind meist lyrischer und dramatischer (Intro, Outro, „Take Me to the Start“), während Vals Songs gewöhnlich energiegeladener und treibender sind („Nice“, „I Love You“, „Ai Ai Ai“).
Sobald die Idee eines Songs vollständig ausgearbeitet ist und ein Teil des Arrangements steht, teilen wir sie mit dem Rest der Band und entwickeln sie gemeinsam weiter. Dann bringt jeder seine eigenen Farben in die Musik ein.
Unser Schlagzeuger Zhenya verleiht den Stücken seinen Charakter und seine Energie, während Klym die Basslinien gestaltet und dabei hilft, den endgültigen Sound der Songs zu formen.
O: Was unterschied die Arbeit an „Grey Hound“ von euren bisherigen Alben und wie habt ihr die Entstehung erlebt?
JS: Dieses Album war für uns ein komplettes Experiment. Noch nie zuvor haben wir Musik so schnell und gleichzeitig so bewusst geschrieben. Zugleich war es eine Herausforderung, weil die gesamte Band während des Prozesses in verschiedenen Ländern lebte und deshalb ein großer Teil der Arbeit aus der Ferne stattfinden musste.
Eines unserer Hauptziele war es, Songs zu schreiben, die auf großen Festivalbühnen kraftvoll wirken. Wir wussten, dass wir diesen Sommer auf bedeutenden Festivals spielen würden, und wollten, dass die neuen Stücke genau diese Energie und Größe besitzen. Gleichzeitig hatten wir unsere bevorstehende Europatournee im Blick. Deshalb war es uns wichtig, dass die Songs nicht nur im Studio funktionieren, sondern auch live auf der Bühne lebendig werden und die Menschen erreichen.
O: Das Artwork des Albums ist beeindruckend. Wie entstand die Idee dazu und wer ist dafür verantwortlich?
JS: Die Idee, das Albumcover selbst zu gestalten, kam von Val. Innerhalb der Band ist er nicht nur für die musikalische Seite verantwortlich, sondern auch für die visuelle Ausrichtung. Er hat alle unsere Musikvideos inszeniert.
Außerdem hat er einen Hintergrund in der bildenden Kunst, daher liegt ihm diese Art von Arbeit sehr. Tatsächlich hat er das Cover selbst gemalt. Das Porträt entstand innerhalb weniger Tage, obwohl er lange mit meinen Augen kämpfte und sie mehrmals neu malte, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.
Annabelle Reiter
Wir setzen unser Interview in Kürze fort!
Line-up:
Julia Sanina – Gesang
Valeriy „Val“ Bebko – Gitarre
Klym Lysiuk – Bass
Zhenya – Schlagzeug
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