TIM BROWNLOW im Interview (2/2)

Tim Brownlow

Sänger und Komponist Tim Brownlow, bekannt als Frontmann der Rockband Belasco, hat F. W. Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) mit einem neuen Soundtrack versehen. Unter dem Titel „The Journal of a Broken Man“ interpretiert er den Horrorklassiker auf seine ganz eigene musikalische Weise. Das Besondere: Die Musik ist nun live erlebbar! In unserem zweiteiligen Interview spricht Brownlow über den kreativen Prozess, die intensive Auseinandersetzung mit dem Film und die Herausforderung, das Projekt live auf die Bühne zu bringen. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, du kannst ihn hier nachlesen.

Orkus: Hast du bewusst bestimmte musikalische Konventionen vermieden, die man aus Horrorfilmen kennt? Wie wichtig war es dir, etwas zu schaffen, das sich von einem traditionellen Filmsoundtrack abhebt?
Tim Brownlow: Die ganze Idee besteht darin, eben keine Filmmusik zu schreiben. Ich wollte ein traditionelles Album mit Songs machen. Das Album ist entstanden, während ich tief in den Film eingetaucht war. Während des Schreibens habe ich bewusst keine Horrorfilme angesehen – ich habe selbst Angst vor Horror! Ich finde es sehr wichtig, dass es keine Filmmusik im klassischen Sinne ist. Die Idee besteht darin, Film und Livemusik auf traditionelle Indie- beziehungsweise Rock-Art miteinander zu verbinden. Ich habe Streicher eingesetzt, um die Emotionen zu verstärken, allerdings nicht auf die dramatische Art eines klassischen Filmscores, sondern so, wie ich es auch bei einem sehr persönlichen Album machen würde.

O: Jetzt stehen die Live-Auftritte bevor. Was erwartet uns?
TB: Ich freue mich riesig auf die bevorstehenden Auftritte. Auf der Bühne stehe nur ich, dazu kommt ein Backingtrack, und ich singe und spiele Klavier und Gitarre. Wie gesagt, das Ganze ist für mich eine ziemlich emotionale Erfahrung, und ich hoffe, dass das Publikum diese Gefühle beim Anschauen des Films ebenfalls spürt. Ich probe momentan sehr viel und passe ständig einzelne Stellen an. Deshalb unterscheidet sich die Live-Version ein wenig von der Aufnahme auf dem Album.

O: Was ist die größte Herausforderung, wenn es darum geht, den Soundtrack auf die Bühne zu bringen und live aufzuführen?
TB: Ursprünglich wollte ich, dass die Live-Version genauso klingt wie die Albumaufnahme. Inzwischen habe ich aber erkannt, dass das für mich nicht möglich ist, weil die Gitarren und der Gesang live sind. Das Ganze exakt zu reproduzieren, ist daher schwierig. Außerdem liebe ich den Klang von Livemusik. Die größte Herausforderung ist die Abstimmung der Lautstärkepegel, weil alles über den Laptop läuft. Während des Spielens mische und korrigiere ich die Pegel. Und wenn man live spielt, wird man emotional und spielt automatisch lauter. Das ist also meine größte Herausforderung.

O: Einen kompletten Soundtrack synchron zu einem Stummfilm aufzuführen, erfordert sicher eine ganz andere Herangehensweise als ein gewöhnliches Konzert. Wie stellst du sicher, dass die Musik exakt mit den Bildern übereinstimmt?
TB: Ja, das ist anfangs eine völlig merkwürdige Erfahrung. Bei einem gewöhnlichen Bandkonzert schwankt das Tempo, und zwischen den Songs gibt es Pausen, in denen man mit dem Publikum reden oder etwas trinken kann. Hier muss ich alles genau planen. Außerdem muss ich darauf achten, wie ich in bestimmten emotionalen Passagen Gitarre spiele, denn eine gerissene Saite wäre ein Problem!Der Backingtrack befindet sich zusammen mit dem Film auf dem Computer, und ich habe beides miteinander synchronisiert. Deshalb sollte sich daran hoffentlich nichts verändern.

O: Wie sieht deiner Meinung nach dein Publikum aus? Wen möchtest du mit diesem Projekt erreichen?
TB: Ich denke und hoffe, dass das Publikum neugierig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute wirklich wissen, was sie erwartet, denn bisher gibt es noch keine Videoaufnahmen eines Live-Auftritts. Ich hoffe aber, dass sie Fans des Films und emotionaler Musik sind – und dass sie nach diesem Erlebnis hoffentlich beides mögen.

O: Jetzt, da das Album fertig ist und die Live-Auftritte beginnen: Hast du das Gefühl, dass sich damit ein Kapitel schließt, oder hat das Projekt neue kreative Möglichkeiten für dich eröffnet?
TB: Es gibt noch so viele Orte, an denen ich dieses Projekt aufführen möchte, und so viele Menschen, denen ich es präsentieren möchte. Wir stehen damit gerade erst am Anfang. Ja, ich werde das Projekt noch lange spielen und darüber hinaus weitere Filme einbeziehen. Es ist eine große Herausforderung, zunächst das Album zu schreiben und anschließend herauszufinden, wie man es live umsetzt. Ich möchte künftig weitere Musiker in die Live-Auftritte einbeziehen, damit das Ganze stärker nach einer Band klingt. Aber das wird mit der Zeit kommen.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Tim Brownlow – Tourdates:
30. Oktober 2026 DE-Tettnang, KITT
11. November 2026 DE-Regensburg, Ostentor
12. November 2026 DE-Oberhausen, Gdanska
13. November 2026 DE-Hagen,  Pelmke
14. November 2026 DE-Wredenhagen,  Scheune
25. November 2026 DE-Rüsselsheim,  Das Rind
28. November 2026 DE-Mudau, Kerchbrügge

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