VIRTUAL PERISH im Interview (1/2)

Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit Virtual Perish über ihr neues Album „Virtual Parish“, das am 23. Oktober 2026 erscheint.

Orkus: Fangen wir am Anfang an. Gegründet wurde Virtual Perish bereits 2020 und entwickelte sich nach und nach zu dem Trio, das wir heute vor uns haben . Was war ursprünglich der Antrieb, die Band zu gründen?
Aurelio: Ursprünglich war Virtual Perish ein Nebenprojekt von mir und einem ehemaligen Gründungsmitglied. Der Hintergedanke war es, Songs, die nicht in unsere Hauptprojekte passten, in diesem Projekt zu vollwertigen Liedern verarbeiten zu können. Mittlerweile habe ich mein damaliges Hauptprojekt „Aura“ nicht mehr und Virtual Perish ist mein gänzlicher musikalischer und künstlerischer Fokus.

O: Ihr kommt ja aus den unterschiedlichsten Flecken der Erde. Wo genau und wie habt ihr euch zusammengefunden?
Aurelio: Ich komme aus der Umgebung von Wien in Österreich und konnte mich glücklich schätzen, meine beiden Bandkollegen durch das Internet bzw. die sozialen Medien zu finden.
William: Ich komme ursprünglich aus Richmond, Virginia, USA (wohne jetzt in Amelia, VA) und habe Aurelio gefunden, nachdem ich etwas Mut gefasst hatte und ein Sample der einzigen passablen Gesangsaufnahme, die ich je hinbekommen habe, auf einem Discord-Server geteilt hatte, auf dem wir beide waren. Ihm hat gefallen, was er gehört hatte, und er hat mir einen Gastauftritt auf einem Song angeboten. Danach haben wir einfach immer weitergemacht. (lächelt)
Iris: Dann kam man zu dem Entschluss, dass zur Perfektion noch eine Frauenstimme fehlt. Gesucht – gefunden, würde ich sagen. Wie soll es bei einer Online-Kollaboration auch anders sein: Natürlich übers Internet. Aurelio hatte eine Anzeige geschalten, ich war gerade offen für ein neues, kreatives Projekt. Perfect Match! Ganz nebenbei lassen sich durch die regelmäßige Zusammenarbeit auch noch meine Englisch-Skills verbessern. (zwinkert)

O: Was hat es mit dem Bandnamen auf sich? Wie kamt ihr auf Virtual Perish?
Aurelio: Virtual Perish, der virtuelle Verfall. Wir sehen, was die sozialen Medien mit der Menschheit anstellen können. Die Anonymität kehrt das Grausamste aus den Menschen hervor. Das Aufkommen der künstlichen Intelligenz gibt dem ganzen auch eine neue Dimension. Außerdem war der Name einzigartig und einprägsam.

O: Zu „Primal“ wurde schon die Single veröffentlicht. Ein wilder Mix, der einfach nur cool klingt! Wie ist der Song entstanden?
William: Wir haben uns zusammengesetzt, um gemeinsam einen Song im „Groove Metal“-Stil zu schreiben, und mich haben das „Roots“-Album von Sepultura und Soulfly (besonders ihr „Primitive“-Album) irgendwie fasziniert.
Aurelio: Es ist auch das einzige Lied auf dem Album, bei dem William und ich das Instrumental gemeinsam erstellt haben. Das Hauptriff hatte William zuerst auf seiner Gitarre vorgespielt, bevor ich es dann mit meinen VST-Instrumenten nachgebaut habe. Ebenso ist es das längste Lied auf dem Album, in dem sich viele kreative Ideen tummeln wie ein Trance Gate auf den sehr stark klangmäßig veränderten Lead-Gitarren.

O: Ihr habt selbst gesagt, dass der Song textlich den verzweifelten Drang thematisiert, sich von den Fesseln der modernen Gesellschaft loszureißen, während gleichzeitig ein stark selbstkritischer Blick bewahrt wird. Wie kam es dazu?
William: Im Text lasse ich im Grunde nur meinem Frust darüber freien Lauf, dass mir mein ganzes Leben lang gesagt wurde, ich sei zu laut, haha. Endlich wohne ich an einem Ort, an dem ich so laut sein kann, wie ich will, und niemand mehr meckern kann – das ist einfach genial. Ich lebe jetzt draußen auf dem Land und bin dadurch der Natur wieder nähergekommen. Und durch die Kombination aus den Ideen hinter „Roots“ und „Primitive“, der Rückkehr zur Natur und der puren Befreiung, ohne jede Zurückhaltung einfach alles rauszulassen, war „Primal“ schließlich einfach die beste Wahl.

O: Wie können wir uns generell die Arbeit an dem Album vorstellen? Falls man das überhaupt so allgemein sagen kann … wie entsteht ein Virtual-Perish-Song?
Aurelio: Am Anfang befindet sich immer ein Wort in meinem Kopf, ein „Umbrella-Term“ für den Sound, den ich kreieren möchte. In diesem Fall war das Wort „groove“ und so haben sich auch die Songs dann orientiert. Ich arbeite komplett mit virtuellen Instrumenten, aber völlig ohne Einsatz Künstlicher Intelligenz; diese virtuellen Instrumente gab es lange bevor KI überhaupt ein Thema war. Wir arbeiten in verschiedenen Phasen und teilweise können diese Phasen auch sehr lange dauern. Die Lieder auf „Virtual Parish“ sind größtenteils vor zwei Jahren (Mitte 2024) instrumental von mir geschrieben worden. Ich habe aktuelle ca. fünf instrumental fertige Alben in Reserve. Nach dem Album ist vor dem Album; es wird direkt am nächsten gearbeitet.
Iris: Am Anfang steht die Idee – und die kommt meistens von Aurelio. Nach und nach wird daraus dann ein Instrumental, welches allein schon ein harmonisches Zusammenspiel aus wuchtigen Drums, eingängigen Riffs und brachialen Synthesizern ist. Dann kommen wir (William und ich) ins Spiel – in unseren endlos produktiven Latenight-Online-Sessions steht ganz am Anfang die Frage: „Was fühlst du bei dem Song?“ Wenn unser „Master of Melody“ nicht schon vorher einen Grundgedanken hatte, entsteht so das Thema (und manchmal gleich der Titel) des Songs. Im nächsten Step wird es taktvoll – Rhythmus der Gesangsmelodie finden, Silben zählen, Wörter zum Thema finden, noch ein bisschen Reimen, fertig sind Songtext und Gesangslinie. An diesem Punkt kommt dann manchmal mein – besonders beliebter – Einwand: „Das kann man (oder ich, haha) so nicht singen.“ Dann wird nochmal geschoben, korrigiert, harmonisiert – das ist die Detailarbeit. Wenn wir erst so weit gekommen sind, geht der Rest fast von selbst: Nach der Abstimmung, wer wo wann was singen darf, werden Vocals aufgenommen. Für Aurelio und mich sind die Recording-Sessions aufgrund der geografischen Nähe immer mit einem gemeinsamen Snack und kurzen Austausch über die Arbeit verbunden. (grinst) Wenn das Grundgerüst im Kasten ist, kommt des Öfteren nochmal mein kreatives, sich gerne selbst überschätzendes, Sängerinnen-Ich zum Vorschein: Meine spontanen Harmonie-Ideen gefallen dann wirklich, somit muss ich sie notgedrungen dann auch singen – was oft gar nicht so leicht ist. Bisher haben wir aber noch immer einen Weg gefunden, wie man hören kann.
William: Wir suchen uns einen Vibe aus und richten alle Songs des Albums darauf aus. Dieses Album war Groove Metal … „Under the Influence“ ging stark in Richtung Nu Metal, aber im Grunde ging es vor allem um die Frage: „Können wir einen Song im Stil von Bands machen, mit denen wir aufgewachsen sind?“. „Virtual Errors“ war experimenteller. Bei „Infernal“ drehte sich alles um einen „bösen“ Vibe und bei „Immor(t)al“ stand ein „dreckiger“ Vibe im Mittelpunkt.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Line-up:
Aurelio Rami – Gesang, Programmierung, Schlagzeug, Komposition
William „Edge Case“ Warden – Gesang, Komposition
Iris Rebecca – Gesang

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