HATEFUL CHAINS im Interview (1/2)

Photo: Jimmy Timonen

Bevor die finnischen Goth-Rocker von Hateful Chains am 23. Mai 2026 um 20:00 in de Moritzbastei beim diejährigen Wave-Gotik-Treffen spielen, sprechen wir mit Sängerin Flora über ihr aktuelles Album „Lambs and Goats“, stellen uns kritische Glaubensfragen, sinnieren über den Teufel, das Leben in Finnland und die nahe Zukunft.

Orkus: Im letzten Gespräch mit Orkus! hast du erwähnt, dass sich die Texte von „Lambs and Goats“ mit dem Trauerprozess beim Loslassen des christlichen Glaubens und der Wut befassen, die während dieses Prozesses ebenfalls vorhanden war. Wie bist du auf diese Themen gekommen?
Flora Kok: Als wir mit der Arbeit am zweiten Album begannen, hatten wir schon viel Material angesammelt, denn das Aufschreiben und die Umsetzung in Songs waren für mich eine Möglichkeit, all die emotionalen Vorgänge zu verarbeiten, die während meiner Glaubenskrise abliefen. Die Themen Wut und Trauer schienen sich ganz von selbst aus diesen Texten herauszukristallisieren. Beide sind Teil des Prozesses, etwas loszulassen – vielleicht sind es die deutlichsten Emotionen. Ich glaube, ich habe damals nicht wirklich um den Verlust des Glaubens getrauert, sondern vielleicht eher um die Tatsache, dass etwas, das den Verlauf meines Lebens bestimmt hatte, sich als bedeutungslos herausstellte, und dass es einfach zu viel in den Glaubensgrundsätzen gab, mit dem ich nicht mehr einverstanden sein konnte. Enttäuschung, einfach gesagt, und die Erkenntnis, dass ich von Anfang an nie den Glauben in mir hatte. Das alles ist in dem Song „Burnout“ niedergeschrieben. Die Wut kam jedoch auf, als ich mit Menschen aus christlichen Sekten in Kontakt kam und auch viel über die Erfahrungen von Menschen las, die aus diesen Sekten ausgestiegen waren. Die schiere Ungerechtigkeit und der Machtmissbrauch waren erschreckend und konnten eigentlich nichts anderes als Wut hervorrufen.

O: Was ist passiert, das dich dazu gebracht hat, dich vom christlichen Glauben abzuwenden, mit dem du aufgewachsen bist?
FK: In meinem Privatleben passierten Dinge, die mich dazu brachten, meine Erziehung und meinen Glauben in Frage zu stellen. Ich hatte das Gefühl, dem Ideal nicht gerecht zu werden. Ich war am Ende, weil ich es immer wieder versuchte, aber immer scheiterte, und wegen der mentalen Verrenkungen, die ich seit meiner Kindheit aufrechterhalten hatte. Ich las die Bibel, um Antworten zu finden, aber sie warf nur noch mehr Fragen auf. Ich hatte sie natürlich schon mehrmals gelesen, aber die offensichtlichen Widersprüche darin immer beiseitegeschoben. Aber jetzt konnte ich mich nicht mehr mit der darin beschriebenen Ungerechtigkeit (zum Beispiel gegenüber Frauen) und der Art und Weise, wie die meisten sektenähnlichen Christen sie interpretieren, abfinden. Es gibt natürlich auch einige gute Dinge darin, wie „Liebe deinen Nächsten“. Aber wozu braucht man dafür einen Gott?

O: Hast du eine neue Religion für dich gefunden?
FK: Ich bin derzeit nicht religiös. Ich könnte mich auch als atheistischen Heiden bezeichnen. Ich bin unendlich neugierig auf alle Arten von Mysterien und das Okkulte sowie auf alte Lebensweisen und alte Religionen, aber ich habe immer noch eine starke Abneigung gegen alles, was mit Gemeinde zu tun hat, oder gegen jegliches gelenktes Gruppenverhalten. Was lustig ist, denn der Besuch eines Rockkonzerts ist ein bisschen so. Also, was auch immer ich bin, ich bin eine Einzelpraktizierende.

O: Glaubst du an eine Art höhere Macht? An ein Leben nach dem Tod?
FK: Ich habe für mich selbst noch nicht geklärt, was es eigentlich bedeutet, an etwas zu glauben. Die ehrliche Antwort darauf lautet für mich: Ich weiß nicht, ob es ein Leben nach dem Tod oder eine höhere Macht gibt, und ich weiß auch nicht, ob ich das jemals wirklich wissen kann. Ich glaube auch nicht, dass es dafür Beweise gibt. Aber wenn es sie gäbe, müsste ich zugeben, dass ich mich irre. Ich kann die Erfahrungen anderer Menschen auch nicht einfach als völlig ungültig abtun. Diese Dinge könnten also existieren, aber ich weiß es nicht, und ich bin ziemlich schlecht darin, etwas Besonderes zu spüren oder wahrzunehmen. Vielleicht ändert sich das eines Tages.

O: Wie bist du auf den Bandnamen Hateful Chains gekommen?
FK: Ich habe ihn mir ausgedacht, indem ich einfach ein Brainstorming gemacht und mehrere Vorschläge für einen Bandnamen aufgeschrieben habe. Hateful Chains passte zufällig gut in den Mund und lässt sich auf viele Arten interpretieren, symbolisch oder wie auch immer. Vielleicht war es etwas, das aus meinem Unterbewusstsein auftauchte. Ich habe es zunächst nicht mit den Themen des zweiten Albums in Verbindung gebracht. Ich würde das auch jetzt nicht tun, sondern es eher für alle Ketten stehen lassen, die einen daran hindern, sein Leben in vollen Zügen zu leben. Die meisten davon befinden sich im Kopf, denke ich.

O: Das Album legt mit „Rotten Corpses“ einen starken Start hin.
FK: Ja, wir haben eine Show manchmal mit diesem Song beendet, aber er schien uns ein starker Auftakt für das Album zu sein. Es geht um die Sektenmentalität, die von den Anführern gepflegt wird. Sekten sind hierarchisch aufgebaut und basieren auf einem starken Anführer, der einem weismachen kann, dass nur seine Wahrheit die wahre ist und man ohne die Zugehörigkeit zu seiner Gruppe nicht überleben kann. Das gilt sowohl für religiöse als auch für politische Führer.

Claudia Zinn-Zinnenburg

In Kürze setzen wir unser Gespräch fort.

Line-up:
Flora Kok – Gesang, Keyboards, Akustikgitarre
Kimmo Laaksonen – Gitarre
Jani Ilande – Bass
Jani Vilhunen – Schlagzeug

Sieh Dir das Live-Video zu „Lambs and Goats“ an:

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