BYRONIC SEX & EXILE im Interview (1/2)

Byronic Sex & Exile
Photo: IFM Photographc

Mit Byronic Sex & Exile verbindet Joel Heyes Gothic, Romantik und eine gehörige Portion Rebellion. Mit der neuen EP „Dauntless Zeal“ schlägt Heyes nun deutlich politischere Töne an. Lies hier den ersten Teil unseres zweiteiligen Interviews.

Orkus: Beginnen wir ganz am Anfang. Wann hattest du erstmals den Wunsch, Byronic Sex & Exile ins Leben zu rufen?
Joel Heyes: Ursprünglich war das Projekt Byronic Sex & Exile nur eines von mehreren Studioprojekten, die ich etwa 2015 entwickelte – neben Projekten wie Carpathian Love Gods, The Desiring Machines und anderen sowie Bands wie Quasimodo. Erst nach einigen Jahren begann ich zu erkennen, welches Potenzial in BS&E steckt. Das erste Konzert im Juli 2017 war dabei ein wichtiger Schritt, und anschließend entwickelte sich das Ganze praktisch von selbst weiter, bis es schließlich zu meinem Hauptprojekt wurde.

O: Gab es einen bestimmten Moment, in dem du erkannt hast, dass „Byronic Sex & Exile“ der perfekte Name für deine Musik ist?
JH: Ich wollte einen Namen, der das verkörpert, was „romantischer“ Goth für mich bedeutet, und ich fand, dass Byronic Sex & Exile das ziemlich gut einfängt – die Melancholie, die Erotik und die Leidenschaften, die wir mit dem Byronischen Helden verbinden. Und da es sich um ein Ein-Mann-Projekt handelt, passte dieses Gefühl von einsamer Auflehnung perfekt zu dem, was ich erschaffen wollte.

O: Was fasziniert dich bis heute an Lord Byron – und welche seiner Eigenschaften erkennst du in dir selbst wieder?
JH: Für mich sind es vor allem seine unbändige Kreativität und seine Überzeugungen, die mich faszinieren. Er erlaubte sich, sein Leben in gewaltigen historischen Dimensionen zu denken und auf großer Ebene zu leben. Es geht bei ihm also nicht nur um sein unglaubliches literarisches Talent, sondern auch darum, wie zielgerichtet und flexibel er es einzusetzen wusste. Unter all den Romantikern verlieh er der Bewegung echte Substanz, eine echte Kante. Was mich selbst betrifft, erkenne ich in ihm diese Rastlosigkeit wieder, die meine Arbeit oft sehr unberechenbar macht – ganz zu schweigen davon, dass auch ich ein Aufsteiger bin, der seinen Platz in der Welt nicht einfach akzeptiert!

O: Wenn Lord Byron heute noch leben würde – glaubst du, er wäre ein Goth?
JH: Ich bin sicher, dass er bis zu einem gewissen Grad „gothic“ wäre, auch wenn fraglich ist, ob er sich mit der heutigen Szene identifizieren würde. Ich kann mir vorstellen, dass er sich eher für die neuen Formen von Sexualität und Identität innerhalb der queeren und LGBTQ-Bewegungen interessieren würde. Und natürlich sind auch andere Anliegen – etwa Republikanismus und nationale Befreiung – seit damals kaum aus der Mode gekommen. Es gäbe also jede Menge Bedarf für einen Protestpoeten in der Zeit, in der wir heute leben.

O: Was bedeutet „Gothic“ für dich?
JH: Für mich bezieht sich „Gothic“ in erster Linie auf die Kunst – Musik, Bücher, Filme und Kleidung – und auf den speziellen Impuls hin zum düster Subversiven, Unheimlichen und Theatralischen. Gothic ist eine Auseinandersetzung mit dem Barbarischen und Poetischen, ein Kontrast zwischen dem Alten und Irrationalen und der Banalität der modernen Konsumkultur. Es entspringt dezidiert gegenkulturellen politischen Strömungen und stellt Frauen, Rebellen, Monster, Kinder und die Kräfte des Fortschritts in den Mittelpunkt.

O: Wann bist du zum ersten Mal mit der Gothic-Szene in Berührung gekommen und was hat dich daran besonders fasziniert?
JH: Ich bin in West Yorkshire in den Achtziger- und Neunzigerjahren aufgewachsen, damals einem absoluten Hotspot der Goth-Kultur. The Mission, The Sisters of Mercy, The March Violets, New Model Army und Ghost Dance kamen alle aus der Gegend, und ihre Poster und Fans waren überall. Zusammen mit den Menschen, die eindeutig als Goths erkennbar waren – etwa Elvira oder die Hammer-Horrorfilme – war das für mich einfach eine ganz natürliche Entwicklung. Ich wurde ein riesiger Fan dieser Bands und hatte sogar mit 14 Jahren die Möglichkeit, The Mission als Support zu begleiten. Das hat meine Liebe zur Szene und meine Vorstellung davon, was diese Musik leisten kann, endgültig gefestigt.

O: Wie würdest du die Gothic-Szene in Großbritannien heute beschreiben?
JH: Die britische Szene befindet sich in einer seltsamen Situation. Einerseits ist der Veranstaltungskalender voll mit Festivals und jedes Wochenende finden Events statt. Andererseits werden diese hauptsächlich von etablierten Acts oder europäischen Bands dominiert. Die Goth-Szene in Großbritannien ist schlicht nicht groß genug, um Künstlern einen Weg zu Anerkennung zu ermöglichen – und zwar so sehr, dass sie in den Medien nicht einmal unter ihren eigenen Bedingungen wahrgenommen wird. In den meisten britischen Presseartikeln über Goth geht es regelmäßig um Acts, die überhaupt nicht Teil der Szene sind. Im Grunde ist „gothic“ in Großbritannien auf dem besten Weg, eher eine allgemeine Bezeichnung für eine ästhetische Erscheinung als für ein Musikgenre zu werden.

O: Deine neue EP trägt den Titel „Dauntless Zeal“. Wie kam es zu diesem Titel?
JH: Der Titel stammt aus einem Gedicht von John Thelwall, einem englischen jakobinischen Aktivisten, der 1794 wegen Hochverrats angeklagt wurde. Der Song „Chalk Farm Rebel“ auf der EP handelt von ihm. Ich wollte einen Begriff, der eine Art kämpferischen Optimismus beschreibt, das entschlossene Voranschreiten. Und als unabhängiger Solokünstler kann ein wenig „Dauntless Zeal“ – also unerschrockener Eifer – sicherlich nicht schaden!

Claudia Zinn-Zinnenburg

In Kürze setzen wir unser Interview fort.

Sieh Dir das Video zu „Give Raul a Gun“ an:

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