BYRONIC SEX & EXILE im Interview (2/2)

Mit Byronic Sex & Exile verbindet Joel Heyes Gothic, Romantik und eine gehörige Portion Rebellion. Mit der neuen EP „Dauntless Zeal“ schlägt Heyes nun deutlich politischere Töne an. Lies hier den zweiten Teil unseres Interviews. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, du kannst ihn hier nachlesen.
Orkus: Die EP beginnt mit einer besonders düsteren Version von „Bella Ciao“. Wann hast du erkannt, dass dies der perfekte Einstieg für die EP sein würde?
Joel Heyes: Ich hatte bereits auf einer früheren EP („Lessons from the Mountain“, 2011) eine deutlich kürzere Version des Songs aufgenommen und ihn auch einige Male während der „Unrepentant Thunder“-Tour live gespielt. Es war jedoch vorgeschlagen worden, eine längere, vollständigere Version daraus zu machen. Es hat mir daher großen Spaß gemacht, den Track auszubauen und richtig zur Geltung zu bringen. Als Opener schien er mir den richtigen Ton zu setzen und gleichzeitig anzukündigen, dass es auf dieser EP eine deutliche stilistische Veränderung geben würde.
O: Das Artwork lässt sich leicht mit diesem Song verknüpfen. Was waren deine Gedanken hinter der Wahl des Covers?
JH: Ich hatte mehrere verschiedene Versionen des Artworks in Betracht gezogen. Wenn man sich die bisherigen BS&E-Cover anschaut, sieht man, dass es nicht viele Fotografien dieser Art gibt. Letztlich fand ich, dass das berühmte Foto von Robert Capa, das einen Partisanen im Spanischen Bürgerkrieg zeigt, perfekt geeignet war, um zu verdeutlichen, dass dies etwas anderes ist, und um die Ideale des Materials zu vermitteln.
O: Damit machst du von Anfang an deutlich, dass es sich um eine politisch motivierte EP handelt. Warum war es dir wichtig, dieses Statement abzugeben? Wie entstand die Idee?
JH: Ich wollte einen deutlich klareren Schritt in eine relevantere Richtung machen. Nachdem ich mich bei meinen Projekten bisher hauptsächlich mit Gothic-Literatur beschäftigt hatte – das letzte Album war beispielsweise eine Nacherzählung von „Dracula“ –, wollte ich einen frischeren Ansatz wählen, der trotzdem dem Byronischen Geist des Projekts treu bleibt. Politische Inhalte waren schon immer Teil meines Repertoires – schließlich war ich der Sänger und Songwriter der Industrial-Punk-Band Action Directe –, aber bei BS&E hatte ich bisher nicht viele Möglichkeiten, diesen Aspekt auszuleben. Außerdem wollte ich akustischen Elementen mehr Raum geben, insbesondere solchen, die mir einen Pool an Songs für Soloauftritte ermöglichen. Was das eigentliche Statement betrifft: Die politische Situation in Großbritannien und auf der ganzen Welt ist so düster geworden, dass Songs über Vampire einfach nicht mehr angemessen erschienen.
O: Auch „The Last Day of School“ bleibt düster. Gibt es eine Geschichte dahinter?
JH: „The Last Day of School“ ist ganz konkret ein Protestsong gegen die amerikanische Bombardierung der Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in Minab am ersten Tag des US-iranischen Krieges im Februar dieses Jahres. Bei den Angriffen wurden 168 Menschen getötet, darunter 120 Kinder. Die Schule soll auf einer Liste von Zielen gestanden haben, die angeblich von KI-Technologieunternehmen an das US-Militär übermittelt wurde. Es war schwierig, diesen Song zu schreiben, da das Ergebnis eine völlig andere Energie haben musste – eine Botschaft einfach über einen Gothic-Rock-Track zu legen, funktioniert hier definitiv nicht. Ein Großteil des BS&E-Materials war in den vergangenen Jahren von rohen Emotionen zu bloßem Pathos abgedriftet. Deshalb war es eine Herausforderung, diesen Song aufrichtig anzugehen. Gleichzeitig musste ich darauf achten, sowohl das Thema als auch die betroffenen Menschen mit dem nötigen Respekt zu behandeln und trotzdem deutlich genug zu sein, um etwas auszulösen. Ich denke, ich konnte zumindest eine gewisse emotionale Größe und auch Zärtlichkeit hineinbringen. Der Song ist etwas zurückgenommener als das, was normalerweise meiner sehr angriffslustigen Art entspricht. Das war für mich ein Beweis dafür, dass auch eine andere Art von BS&E-Song funktionieren kann.
O: Die Stimmung bleibt mit deinem Cover von Ewan MacColls „Jamie Foyers“ nachdenklich. Warum wolltest du gerade diesen Song neu interpretieren?
JH: Ich liebe die Version von Dick Gaughan und wollte schon immer einmal meine eigene Version eines Folk-Klassikers aufnehmen – ein weiterer Bereich, in dem BS&E bisher nicht unterwegs war. Ich entschied mich für etwas Schlichtes und Würdevolles, lediglich mit Akustikgitarre und Orgel, und wollte, dass es frisch und nicht überladen klingt. Auch das Thema – der Tod eines schottischen Mitglieds der Internationalen Brigaden im Kampf – passte perfekt zur Atmosphäre der EP. Daher war ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
O: Die EP endet mit dem nachdenklich stimmenden „Give Raul a Gun“. Gibt es eine Geschichte hinter der Entstehung des Songs?
JH: „Give Raul A Gun“ ist ein weiterer konkreter Protestsong, diesmal über das anhaltende US-amerikanische Treibstoffembargo gegen Kuba. Die Atmosphäre ist im Grunde eine ernste Form des Widerstands und die Weigerung, zurückzuweichen, wenn sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Obwohl es ebenfalls schwierig war, den richtigen Ton zu treffen, war der Song sehr geradlinig zu schreiben. Die Texte kamen schnell zu mir, und ich wollte den Track so schnell wie möglich fertigstellen, damit seine emotionale Wirkung erhalten bleibt.
O: Nächstes Jahr wirst du dein neues Album „Last of the Goths“ veröffentlichen. Was kannst du uns zum jetzigen Zeitpunkt darüber erzählen?
JH: „Last of the Goths“ – der Titel stammt aus einem Gedicht von Southey – wird die Fortsetzung meiner aktuellen Idee sein, die Gothic-Kultur wieder mit ihrem ursprünglichen politischen Kontext zu verbinden: mit der Tradition der romantischen Radikalen wie den Shelleys, Lewis, Beckford, Thelwall und natürlich Byron selbst. Euch erwartet eine Kombination aus echtem Kult-Gothic-Rock und politischem Medievalismus. Make Goth Jacobin Again!
Claudia Zinn-Zinnenburg
Sieh Dir das Video zu „The Last Day of School“ an:
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