FADING LIGHT im Interview (2/2)

Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit Simon Bossert über sein Debütalbum „The Spell of a New Dawn“ und die dahinterstehende künstlerische Vision seines Soloprojekts Fading Light. Zwischen schwindendem Licht und innerer Dunkelheit, apokalyptischen Szenarien und audiovisuellen Welten entsteht ein Werk, das weit über seine düstere Ästhetik hinausgeht. Simon erzählt, wie persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Beobachtungen und die Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten zu Musik und Bildern werden – und warum gerade die Dunkelheit Raum für Ehrlichkeit, Erkenntnis und neues Wachstum schaffen kann. Den ersten Teil kannst Du hier nachlesen.
Orkus: In den Texten geht es unter anderem um falsche Götter und die Verführung schutzloser Seelen in einer orientierungslosen Gesellschaft. Siehst du darin einen Kommentar zu unserer heutigen Welt?
Simon Bossert: Ja, diese Mechanismen sind durchaus in den Texten und Themen wahrzunehmen. Ich denke, ich bin jemand, der immer gern hinterfragt, warum die Dinge so sind, wie sie sind, bzw. warum sie so und nicht auch gänzlich anders sind. Um diese Mechanismen aber wiederum darzustellen bzw. aufzuarbeiten, benötigt es ja immer auch plakative „Beispielgeschichten“ oder eben „Werke“, die genau dies darstellen. So funktioniert ja auch Theater oder Kino. Es passiert eine Handlung, und anhand dessen werden Mechanismen dargestellt. In meinem Fall empfinde ich es schon auch als Kernthemen dieses Albums, falsche Götter, die Verführung schutzloser Seelen oder auch Themen wie Völlerei, Machtmissbrauch, Rastlosigkeit oder Nekromantie darzustellen. Für mich ist es so: Versteht man diese „Archetypen“ in ihrer Natur, kann man diese Erkenntnisse auch auf heutige Themen wie den Umgang mit KI, Politik, Umwelt, Natur, zwischenmenschlicher Interaktion usw. übertragen. Die Fading-Light-Themen sind eben überspitzte Apokalypse-Szenarien, die darstellen sollen: „Was wäre, wenn XY zu viel wird?“ oder „XY zu lange vernachlässigt wird?“. Es ist meine Art, mein Wissen bzw. meine Erfahrungswerte für mich selbst zu sortieren und dann auszudrücken und dadurch auch anderen zugänglich zu machen.
O: Sind die Texte als gesellschaftlicher Kommentar gemeint? Welche Mechanismen der Verführung beschäftigen dich?
SB: Ich sehe es eher als Geschichten oder Auseinandersetzungen, die auf einer Metaebene stattfinden. Es sollen keineswegs konkrete politische Statements daraus abgeleitet werden. Ich würde eher sagen, dass ich mich mit den kreativen Inhalten bei Fading Light auf einer anthropologischen Ebene bewege, welche die Herkunft, Entwicklung, Kultur, Lebensweisen und das Verhalten verschiedenster Figuren, Charaktere, Götter oder Religionen künstlerisch – mit einem Klecks Dark Fantasy – reflektiert.
O: Wann und wie ist dir bewusst geworden, dass du mit dem Thema Dunkelheit anders umgehst als die meisten Menschen?
SB: Ich denke, dass Dunkelheit eben eine gewisse „Ehrlichkeit“ innehat. Es ist für mich nicht unbedingt das Verdecken von etwas, was man vorher noch gesehen hat. Für mich ist Dunkelheit eher etwas, das man erkunden und ergründen muss. Jeder von uns hat dunkle Orte in sich oder fühlt sie um sich, wenn man ehrlich zu sich ist. Genau dorthin zu spüren, bedeutet für mich eine sehr große Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Denn wer ständig die eigenen dunklen Orte meidet, verleugnet die eigene Identität. Sich aber seinen Dämonen, dieser Dunkelheit, zu stellen oder sie sogar zu begrüßen, ist wichtig. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Dunkelheit ermöglicht eine eigene innere Reflexion. Fading Lights Werke sind daher für mich auch sehr oft wie „emotional-reflektierendes Tagebuchschreiben auf audiovisueller Metaebene“. (zwinkert)
O: Was denkst du, war der Ursprung?
SB: Ich war schon immer derjenige, der beobachtet und sensibel mit den auf mich wirkenden Eindrücken umgeht. Daher war für mich das Hinterfragen bzw. Durchdringen von Dingen immer schon Teil meines Wesens.
O: Wie empfindest du das Dunkle? Eher mit Wohlbehagen … zumindest in der Regel?
SB: Wie vorhin erwähnt, empfinde ich das Dunkle als natürlichen Teil eines größeren Ganzen. Es ist keinesfalls ein Kinderspiel, sich in das Dunkel fallen zu lassen, aber ich habe gelernt, mich dort zu bewegen und zurechtzufinden. Es ist Erfahrung, fühlen, darüber nachdenken, falsch zu liegen und daraus zu lernen. Es ist wie das Licht auch Essenz. Ohne Licht kein Leben, aber Saatgut drückt man in das Dunkel unter der Erde, um Wachstum zu ermöglichen.
O: Gibt es auch Ausnahmen?
SB: Klar, das Licht! Licht ist rein und eindeutig, wärmend, kann einen aber auch wie Ikarus verbrennen, wenn man zu nah an die Sonne fliegt. Wie in allem macht die Dosis das Gift oder auch die Heilung.
O: Zurück zum Album! Sehr beeindruckend ist auch „Seeds of Death“. Wie entstand dieses Stück?
SB: Also musikalisch entstand es aus dem Wunsch heraus, ein sowohl rhythmisch als auch melodisch interessantes Stück zu kreieren. Das ist also mein Take, das umzusetzen. „Seeds of Death“ war unter anderem einer der ersten Songs, die ich für Fading Light schrieb. Er ist also für mich auch schon ca. acht Jahre alt. Er entstand während der damals noch aktiven Totengeflüster-Ära. Ich wusste aber, dass er nicht den typischen Totengeflüster-Kriterien entsprach. Daher hat er es auch nie auf ein Totengeflüster-Album geschafft. Dass dieser dann „Die Saat des Todes“ heißt, ist ja auch irgendwie ironisch. Totengeflüster zerbrach danach ja schließlich auch. Hatte wohl doch durchaus etwas Sprengkraft inne der Song.
O: Gibt es eine Hintergrundgeschichte zu „Far Away from the Stars“?
SB: „Far Away from the Stars“. Genau darin liegt die Kernaussage des Songs: Was ist denn hinter den Sternen? Wenn ich den Nachthimmel anschaue, sehe ich ein riesiges Dunkel – ein Mysterium, welches nur durch ein paar erhellende Punkte unterbrochen wird. So – was bzw. wie ist es denn nun, wenn man hinter dieses „letzte Licht“ reist? Gibt es nach dem Licht noch Licht – also gibt es nach dem Leben noch einen weiteren „Existenzzustand“? Was passiert, wenn wir alle Glaubensgrundsätze hinter uns lassen – an welchen Ort oder in welchen Bewusstseinszustand gelangen wir dann? Es bleibt ein Mysterium, welches auch ein Mysterium bleibt, solange wir in unserer sterblichen Hülle wandeln. Es ist schon irgendwie witzig, so viele Worte, so ein Opus an Tönen und Klangwelten zu schaffen, nur um im Endeffekt zu sagen: „Wirste dann halt sehen – oder auch nicht.“
Claudia Zinn-Zinnenburg
Sieh Dir das Video zu „Seeds of Death“ an:
Schon unseren Newsletter abonniert?
Hier kannst Du das gedruckte Orkus!-Magazin abonnieren: