GOTHMINISTER im Interview (2/2)

Gothminister

Bjørn Alexander Brem alias Gothminister trägt eine Netflix-Kappe, als er sich in unserem Zoom-Call einwählt, damit wir über das neue Album „We Are All Demons“ sprechen können. Ein kleiner Hinweis auf seine zweite berufliche Karriere als Jurist, der sich vor allem in der Film- und Fernsehbranche einen Namen gemacht hat. Brems Alter Ego ist im Hintergrund des Zoom-Fensters zu sehen: Passend zum vorab veröffentlichten Song „Salsa“ im schwarz-roten Charro-Outfit samt Sombrero. Ein Mann der Gegensätze. Und ein Album, das in einer Phase entstanden ist, in der sich Brems Leben grundlegend verändert hat … Lies unser Interview in zwei Teilen. Den ersten Teil kannst Du hier nachlesen.

Salsa
Und diese Weiterentwicklung ist vor allem hörbar. „We Are All Demons“ springt zwischen wuchtigem Industrial Metal, elektronischen Passagen, EBM-Anklängen und cineastischen Bildern. Außerdem wäre dann da noch „Salsa“ – tatsächlich mit lateinamerikanischen Rhythmen und Bläsern. Der Hintergrund: Gothministers Live-Schlagzeuger spielt in einer Salsa-Band. Brem reizte die Herausforderung. „Ich versuche immer, verrückte Dinge miteinander zu kombinieren.“ Dass solche Ausflüge möglicherweise Fans oder Streaming-Algorithmen irritieren, nimmt er in Kauf. „Wenn ich jedes Mal beinahe denselben Song mit nur kleinen Variationen machen würde, wäre es vermutlich viel leichter, viele Streams zu bekommen. Das ist verrückt. Es ist so künstlich und ziemlich beängstigend. Aber es ist mir egal. Ich möchte machen, was ich machen möchte.“

Das bestmögliche Ergebnis
Die vollständige Kontrolle über die Produktion war für ihn deshalb ein wichtiger Schritt. Früher klangen seine Vorproduktionen für ihn bereits beinahe fertig, bevor externe Mixe das Klangbild erneut veränderten. „Dann kam der erste Mix zurück, und plötzlich klang alles anders. Anschließend brauchten wir fünf, sechs oder sieben Versionen, nur um wieder ungefähr dort anzukommen, wo wir angefangen hatten.“ Heute mischt Bjørn bereits während des Entstehungsprozesses. Entscheidend ist, nicht jeden Song durch dasselbe Raster zu schicken: „Ich will jedem Song eine eigene Identität geben. Und deshalb muss ich es letztlich selbst machen, um das bestmögliche Ergebnis zu bekommen.“

Angstfrei?
Besonders deutlich wird die persönliche Entwicklung bei „Fearless“. 2022 hatte Brem noch offen darüber gesprochen, manchmal Angst davor zu haben, er selbst zu sein. Heute bewegt sich der Songtext buchstäblich aus den Schatten ins Licht. Ganz verschwunden ist die Unsicherheit jedoch nicht. „Ich würde nicht sagen, dass ich heute Angst habe, aber als Künstler Gothminister bin ich noch immer stärker als die Privatperson.“ Die Kunstfigur ist Schutzraum und Verstärker zugleich. „Gothminister ist wie eine Superheldenversion meiner selbst, die mich gerettet hat.“ Und wenn er von Menschen erzählt, die ihm berichten, seine Musik habe ihnen das Leben gerettet, bekommt dieser Satz zusätzliches Gewicht. „Wenn ich heute zurückblicke, glaube ich, dass Gothminister auch mein Leben gerettet hat. Musik und Kunst sind Medizin.“ Vielleicht ist deshalb „There’s a Crown for All“ der passendste Abschluss. Das Instrumentalstück wirkt wie der aufatmende Abspann einer langen, dunklen Reise. Einen Text braucht es laut Bjørn nicht: „Der Text steckt gewissermaßen schon im Titel.“ Die Botschaft ist erstaunlich hell: „Jeder Mensch ist gleich viel wert, jeder Mensch ist wichtig. Jeder ist so wichtig wie eine Königin oder ein König. Jeder hat eine Krone.“

Fast das gesamte Leben
Nach 26 Jahren in der Musikbranche ist Gothminister mehr als nur ein musikalisches Projekt. „Wenn ich heute zurückblicke, steckt Gothminister überall. Mein Leben wäre ohne Gothminister völlig anders verlaufen: mein Job, mein Privatleben, meine Partner – alles. Inzwischen ist es fast mein gesamtes Leben. Ich habe 1999 mit Gothminister angefangen. Davor spielte ich in einer Metalband und war in gewisser Weise ein völlig anderer Mensch. Deshalb bedeutet Gothminister für mich beinahe alles.“

Katrin Hemmerling

Mehr über Gothminister erfährst Du in unserer Oktober/November-Ausgabe:

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