MYSTIGMA im Interview (Teil 2/2)

Im ersten Teil haben wir mit Mystigma bereits über den Titelsong des neuen Albums „Gloomtown Radio“ gesprochen. Außerdem erkundeten wir die Anfänge der Band, sprachen über prägende Melancholie und wie es ist, im Rampenlicht zu stehen. Jetzt zeigen wir erst mal Haltung.

Haltung zeigen
Orkus: Sehr schön finde ich auch das Wortspiel mit „Sündikat“. Wie seid ihr darauf gekommen?
Torsten Bäumer: Puh, schwierige Frage. Irgendwann war dieses Wortspiel einfach da. Es geht so ein bisschen darum mit unlauteren Mitteln Gutes zu tun und für eine wichtige Sache einzustehen. Man kann auch mit ungewöhnlichen Mitteln für eine Sache kämpfen, die man für richtig hält, wenn es die Situation erfordert. Ich halte ein gesundes Maß an Aufstand, Widerstand und Rebellion in einer Welt, in der es immer mehr autokratische Strömungen gibt, für wichtig und richtig. Wenn nur konservative Werte propagiert, Fake News verbreitet und andere, alternative Meinungen und Ansichten unterdrückt werden, ist es Zeit, dem entgegenzutreten. Geschieht das dann in einer Gemeinschaft, ergibt sich für mich ein „Sündikat“. Wobei ich aber betonen möchte, dass Mystigma keine politische Band sind. Aber das hindert ja nicht daran, Haltung zu zeigen.

Okkulte Romantik
O: Vom Teufel wird auch in „Triumph in Schwarz“ gesungen. Was symbolisiert er für euch?
TB: Die Frage ist ja auch, ob es ihn überhaupt gibt, eben wie auch die Frage nach einem Gott. Diese Fragen können wir nicht beantworten. Möglicherweise gibt es tatsächlich beide. Es geht in dem Song um einen unsicheren Glauben und die Abkehr von Gott nach Schicksalsschlägen und Enttäuschungen. Ich habe das schon öfters beobachtet, dass einst sehr gläubige Menschen, sich nach Verlusterfahrungen vollständig vom Glauben lossagen. Ich finde der Song und der Text versprühen so eine Art „okkulte Romantik“:

O: Würdet ihr euch selbst als gläubig bezeichnen?
TB: Ich kann da jetzt nur für mich sprechen und ich kann dir die Frage nicht eindeutig beantworten. Manchmal Ja, manchmal nein. In einigen meiner Texte geht es um eben diese unsicheren Glaubensfragen und ambivalenten Gefühle.

Inspiration
O: Ist „Midsommar“ von der gleichnamigen Serie inspiriert?
TB: Er ist von dem gleichnamigen sehr skurrilen und bizarren Horrorfilm von Ari Aster inspiriert. Ich mag den Film, der aber auch nicht unbedingt „jedermanns Sache“ ist. Der Song hat genau diese Bilder in mir erzeugt und wir haben versucht, es musikalisch und textlich umzusetzen.

Befreiung oder Wahnsinn?
O: Sehr mitreißend habe ich auch „Daimonion“ empfunden. Gibt es eine Hintergrundgeschichte dazu?
TB: „Daimonion“ erzählt von Menschen, die sich radikal von gesellschaftlichen Zwängen lossagen und beginnen einzig ihrer inneren Stimme zu folgen und sich voll und ganz auf das Mysterium der eigenen Persönlichkeit einlassen. Doch ist es die Befreiung? Oder endet alles in einem gefährlichen Strudel aus Wahnsinn und verzerrter Wahrnehmung? Das ist die Geschichte hinter „Daimonion“.

Zu Grabe tragen?
O: Und dann endet das Album theatralisch und groß mit „Zu Grabe“. Ich glaube, jeder hat etwas, das er gerne „Zu Grabe“ tragen wollen würde. Wie geht es euch damit?
Jörg Bäumer: Man könnte meinen, es geht um eine bestimmte Person, der man nichts Gutes wünscht. Und tatsächlich fallen mir auch einige Menschen ein, die man am liebsten „zu Grabe“ tragen würde. Es kann aber auch was ganz anderes dahinterstehen. Zum Beispiel sich von bestimmten negativen Gedankenspiralen zu befreien, sich nicht von falschen Idealen/Zielen leiten lassen, oder sich von Personen, die einem nicht gut tun zu lösen, von einer Religion oder was auch immer. Es kann darum gehen, schlechte Angewohnheiten und Verhaltensmuster abzulegen um sich stattdessen auf einen Fixstern im Leben zu fokussieren, der einem Halt und Orientierung gibt. Das, was einem nicht weiterhilft, egal was es ist, muss zu Grabe getragen werden. Ich löse mich von dem negativen, trage es innerlich zu Grabe, akzeptiere wie es ist und bin dabei mit mir im Einklang.

Herausforderungen
O: Was war die größte Herausforderung während den Arbeiten an dem Album?
JB: Im Grunde geht es immer um die Essenz des kreativen Schaffens; nämlich zum Zeitpunkt des Schreibens und der Produktion in einen gewissen Flow zu kommen, um das Bestmögliche herauszuholen. Das ist für sich genommen immer das Höchste zu Erreichende und stets eine Herausforderung. Das gelingt freilich auch nicht immer und manchmal sitzt man länger an einem Stück, weil irgendetwas fehlt und der Funke nicht überspringt. Dann hilft es, sich einem anderen Song zuzuwenden. Das war diesmal auch wieder so.
Die Herausforderung beim Songwriting ist, unabhängig von dem „im Flow kommen“, dass sich alles gut zusammenfügt. Aus einer guten Grundidee wird noch lange nicht automatisch ein guter Song. Und wir wollen uns auch nicht ständig wiederholen. Das sind im Grunde die Herausforderungen, die wir als Künstler bei jedem Album erleben. Wenn man nach Abschluss der Produktion aber sicher sein kann, alles für ein gutes Ergebnis getan zu haben, dann ist alles in Ordnung und man kann mit sich im Reinen sein, unabhängig davon was andere sagen, denken oder schreiben.

Zukunftsblick
O: Wie sieht die nahe Zukunft abschließend für Mystigma aus?
JB: Wir versuchen weiter an Gigs zu kommen, um 2026 mehr live zu spielen, das wird ein Schwerpunkt. Parallel bin ich immer kreativ. Aktuell arbeite ich auch an einem Nebenprojekt und vielleicht kommt beim Schreiben auch ein neuer Mystigma-Song dabei heraus. (zwinkert)

Claudia Zinn-Zinnenburg

Line-up:
Torsten Bäumer – Gesang, Lyrics
Jörg Bäumer – Gitarren, Keyboards
Stephan Richter – Bass
Malte Hagedorn – Schlagzeug

Lies die Review zu „Gloomtown Radio“ hier:

Höre Mystigma in unserer „Dark Rock“-Playlist auf Spotify: