FREUNDE DER ITALIENISCHEN OPER im Interview (1/2)

Freunde der Italienischen Oper

Wir sprechen mit Freunde der italienischen Oper über ihr neues Album „Angelus Luminis“.

Orkus: „Angelus Luminis“ wirkt musikalisch ausgesprochen vielseitig und verbindet unterschiedliche Stimmungen und Einflüsse. Wenn ihr das Album als Ganzes betrachtet: Was verbindet die elf Stücke für euch, und welche Gedanken oder Erlebnisse haben die Richtung des Werks geprägt?
Joey: Die Summe der Einflüsse der Musiker ist ein Punkt. Wir haben da z. B. Tex Morton mit seinem einzigartigen Gitarrenstil, die Variabilität unseres Drummers Boris, der sehr viele Stilistiken locker raushaut, und Rajkos und meine straighte, maschinelle Basis, die aus der gemeinsamen Think-About-Mutation-Vergangenheit resultiert. Ray und Tex kommen, kurz gesagt, über die frühen Sechziger – und das reibt sich ganz hervorragend mit der teils technoiden Produktionsweise, „auf Klick“ und mit allem, was sonst noch dazugehört. Daraus entsteht eine moderne Produktion.
Ein zweiter Punkt war die zeitliche Vorgabe. Nachdem am 03. Oktober 2024 „Kassandras Komplex“ erschienen war, schien es ein großartiges Experiment zu sein, einfach festzulegen: Zwei Jahre später kommt der Nachfolger – Schluss, aus, Ende! „Kassandras Komplex“ hatte so gesehen keine Deadline, wir wollten erst einmal sehen, ob diese Besetzung überhaupt in der Lage ist, ein neues FDIO-Album zu kreieren. Bei „Angelus Luminis“ musste dagegen mit einem strikten Zeitplan gearbeitet werden, das war alles sehr fokussiert.

O: Das Album beginnt mit „Wir schaffen das“. Was steckt hinter diesem Titel und dem Stück? Erzählt doch einmal, wie die Idee dazu entstanden ist, was euch dabei beschäftigt hat und welche Gedanken oder Erfahrungen darin eingeflossen sind.
Joey: Für mich: Prokrastination. Ganz einfach. Ich zum Beispiel kann ganz gut auf etwas hin und auf den Punkt arbeiten, weil ich schon immer selbstständig war. Aber im Prinzip finde ich mich trotzdem täglich in „Jetzt erst mal ’ne Stunde zocken – oh, lass mich das erst noch mal lesen – ach, das wollte ich noch googeln – ich muss doch noch dieses und jenes checken“-Schleifen wieder. Die Wahrheit ist: „Hart arbeiten“ ist ein Mythos. „Das wird schon nicht so wichtig sein, dass es nicht noch warten kann.
Ray: Ich kann eigentlich nur unter Druck arbeiten, da sich mir sonst nicht der Sinn erschließt, mal eher damit anzufangen.

O: In „Der Kleine Prinz“ treffen Bilder vom Fliegen, vom Verschwinden und von einem Leben zwischen kindlichem Blick und unausweichlichem Schicksal aufeinander. Die Zeile „You can burn in the sky“ klingt zugleich nach Freiheit und Selbstzerstörung, während der Blick zu den Sternen eine beinahe tröstliche Wendung nimmt. Welche Geschichte erzählt ihr hier, und was bedeutet euch die Figur des kleinen Prinzen?
Ray: „Der kleine Prinz“ war eines meiner ersten Bücher und enthält eine der wichtigsten Lektion im Leben. Bewahrt immer das Kind in euch! Auch wenn es wie im Falle des Autors, Antoine de Saint-Exupéry, das Leben gekostet hat. Und letztendlich erzählt es die Geschichte des Buches und das Schicksal Saint-Exupérys, der eigentlich als Pilot aufgrund seines Alters nicht mehr eingesetzt werden sollte. Doch die Air Force gab seinem Drängen zu fliegen nach und setzte ihn als Aufklärungsfotograf in einem umgerüsteten Kampflugzeug ein. Keine Ahnung, was ihn dazu bewegt hat, seine Auftragsroute zu verlassen und Richtung Marseille zu fliegen, wo er von einem deutschen Kampfflugzeug abgeschossen wurde und ins Meer stürzte. Da kein Auftrag für den Raum Marseille vorlag, wusste niemand wo er abgeblieben war und galt für sehr lange Zeit als verschollen, bis ein Fischer sein Silberarmband mit Gravur fand. Kurz darauf wurde auch seine Maschine gefunden deren Motorennummern mit der Exupérys identisch waren.

O: Post-Punk, Dark Wave, Swing, Chanson Noir und theatralische Elemente gehören seit Langem zu eurem musikalischen Kosmos. Wie entscheidet ihr, welche Einflüsse in einem neuen Stück Platz finden? Gibt es musikalische Grenzen, die ihr bewusst überschreiten wollt, oder entsteht diese Mischung eher intuitiv?
Joey: Sehr bewusst. Die Frage ist doch: Wie weit kann man gehen, ohne den Hintergrund und die Geschichte der Band zu zerstören? Wenn bei „Auf Wiedersehen“ Indie-Gitarren-Noise-Wände an einem jazzigen Refrain reiben, ist das doch etwas ganz Tolles. Ich persönlich würde z. B. auch Gabber mit Chanson kreuzen, aber das wäre dann nicht mehr im Sinne der Band – viel zu manieristisch und eine Verletzung der Grenzen, die den Soundkosmos der FREUNDE DER ITALIENISCHEN OPER definieren. Diesen Kosmos auszureizen, ist dagegen spannend.
Ray: Musik und Text beeinflussen sich darüber hinaus dann auch oft gern gegenseitig, da sie Bilder erzeugen, die danach streben umgesetzt zu werden. Oft staune ich selbst wohin die Reise geht.

O: Ironie und Dramatik liegen bei euch oft dicht beieinander. Wie findet ihr die Balance zwischen ernsten Themen und absurden oder humorvollen Momenten? Gibt es Dinge, über die ihr auf der Bühne oder in euren Texten lachen könnt, die euch im wirklichen Leben überhaupt nicht zum Lachen bringen?
Ray: Ich habe 1990 in einem Interview mal gesagt „Die meisten Menschen vergessen den Witz im Leben, wobei das Leben nicht witzig ist“. Ich finde das nach wie vor eine treffliche Beschreibung. Ansonsten gibt es furchtbare Dinge im Leben, zu denen man geradezu verpflichtet ist, diese auszulachen und der Lächerlichkeit preis zu geben. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Texten auf der Bühne und unserem Leben.
Tex: Wir verstellen uns ja auf der Bühne nicht. Das was auf der Bühne lustig ist, ist auch im realen Leben lustig und umgekehrt.
Joey: Absolut, Ray ist auch im wirklichen Leben so eine Dramaqueen, kein Scheiß.

O: Eure Auftritte verbinden Musik mit Theater, Projektionen und einer sehr eigenen Bildsprache. Welche Rolle spielt diese visuelle Ebene bei „Angelus Luminis“? Entstehen die Bilder und die Musik gemeinsam, oder entwickelt sich zunächst ein Klang, zu dem ihr später eine passende Welt erschafft?
Ray: Die Filme entstehen nach der Musik. Quasi muss der Song fertig sein, damit ich entscheide, dass für den oder den Song einen Film angebracht wäre und vor allem machbar ist. Wobei seit 89 geht ja bekanntlich alles.

Wir setzen in Kürze unser Interview fort.

Line-up:
Ray van Zeschau – Gesang Rezitation
Rajko Gohlke – Bass
Boris Israel Fernandez – Schlagzeug, Percussion
Tex Morton – Gitarre, Banjo, Hawaiigitarre
Joey A. Vaising – Gitarre, Synthesizer

Sieh Dir das Video zu „Pforte zur Ewigkeit“ an:

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