ANGELZOOM im Interview (2/2)

Von 1995–2007 war Claudia Uhle Teil der Band X-Perience. 2004 gründete sie ihr Soloprojekt Angelzoom. X-Perience wurde zum 20-jährigen Jubiläum wiederbelebt, aber 2024 trennte man sich erneut. Wir setzen unser Interview mit Claudia Uhle und Produzent Bernd Wendlandt über das neue Album „Grey Devotion“ fort. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.

Orkus: Besonders interessant sind die unterschiedlichen Versionen von „Lunatic Laundromat“. Wie kamen diese zustande und worum geht es in diesem Song?

Claudia Uhle: Im Song geht es darum, nichts drauf zu geben, was andere über dich sagen. Der Waschsalon als Symbol für das Rumgequatsche und die dreckige Wäsche als Symbol für Gerüchte und schlechte Meinungen. Die Leute sollen ihre dreckige Wäsche und Gerüchte für sich behalten. Gib nichts auf andere Meinung hinter deinem Rücken und Du lebst ruhiger.

Bernd Wendlandt: Zuerst gab es nur die orchestrale Idee, die wir dann aber noch um das Album etwas schwungvoller zu gestalten, mit einem schönen Achtziger-Retro-Beat ausgebaut haben. Der Text spricht für sich. (zwinkert) Mit zwei Versionen zu arbeiten, passiert bei uns öfter, wir lieben beide Seiten.

O: Nicht nur der Song „80s Forever“ impliziert es: Das neue Album bringt eine gewaltige Portion Achtzigerjahre-Sound und -Gefühl mit. Was verbindet ihr persönlich mit diesem Jahrzehnt? Was ist „typisch Achtziger“?

CU: Die Achtziger verbinden wir mit einer ganz eigenen Mischung aus Melodie, Atmosphäre und Emotion. Diese Zeit war stilistisch extrem spannend, weil es gleichzeitig glamourös, kühl, experimentell und sehr gefühlvoll war. Genau dieser Spannungsbogen interessiert mich auch heute noch. Typisch Achtziger sind für mich starke Melodien, elektronische Sounds, prägnante Hooks, Synthesizer, aber auch dieser besondere Mix aus Hoffnung und Melancholie und diese vielen wundervollen Stimmen der unterschiedlichsten Künstler. Viele Songs aus der Zeit waren klar, eingängig und trotzdem eigenwillig. Das verbindet Pop, Wave und Rock auf eine spannende Weise.

BW: Nicht zu vergessen die visuelle Ästhetik und der Mut zur Mode und der Kontrast: Neon, starke Kontraste, klare Linien, aber auch Schwarz, Stilbewusstsein – die Achtziger hatten einen sehr eigenständigen Look. Es gab viel Experimentierfreude, besonders in der New-Wave- und Post-Punk-Szene. Große Gefühle ohne Ironie. Viele Produktionen waren direkt, leidenschaftlich und emotional aufgeladen. Parallel viele Musikstile, Rock, Pop, und unsterbliche Songs, die wohl nie mehr verschwinden werden, ähnlich wie Beethoven, Mozart und Bach Klassiker jener Zeit. Für viele ist das Jahrzehnt mit ersten musikalischen Prägungen verbunden, mit Radiosongs, Videos, Plattencovern und diesem besonderen Gefühl von Entdeckung. Im Radio und bei MTV Musik „nur“ für unsere Generation. Das war schon sehr außergewöhnlich und prägend. Der Zeitgeist zwischen Optimismus und Unsicherheit: Gerade das macht die Achtziger so spannend, einerseits Aufbruch, andererseits auch Kälte und gesellschaftliche Spannung.

O: Was war eurer Meinung nach damals „besser“ als heute?

CU: Die Musik in vieler Hinsicht auf jeden Fall. Deshalb ja unser Versuch, etwas vom Lebensgefühl ins Heute zu retten. Mit allgemein weniger Angebot an Musik hatte jedes Album auch viel mehr Gewicht.

BW: Die Achtziger hatten eine Leichtigkeit, die heute fehlt. Damals hat niemanden interessiert, wen Boy George oder George Michael liebten, ob Sparks komisch waren oder wer mit grünen Haaren und Schulterpolstern durch die Love Parade tanzte. Es gab ein Leben und leben lassen, das heute sehr selten ist. Alles war weniger wichtig, weniger anstrengend und gerade deshalb irgendwie intensiver. Synthesizer und Drum Machines hatten einen organischen, greifbaren Sound, heute wirkt vieles oft zu steril und digital. Produzenten-Figuren wie Trevor Horn oder Martin Hannett prägten Alben mit unverwechselbarem Stempel und schufen Soundwelten, die heute noch da sind. Denkt man an Plattencover, Poster, Fanzines alles hatte gefühlt mehr Magie als algorithmische Thumbnails, Reels etc. Damals hat man Musik gemacht, ohne ständig an Reichweite zu denken. Konzerte hatten mehr Magie, es gab kein ständig durchs Handy auf das Konzert schauen und die Szene war ein echtes Zuhause. Heute ist alles schneller, weniger haltbar mit sehr kurzer Aufmerksamkeitsspanne.

O: Was ist im Gegensatz dazu heute besser?

BW: Eine der schwersten Fragen im Interview. Man findet nicht so viel. (zwinkert) Heute ist die Freiheit unschlagbar, man braucht keine Major-Label mehr, kann selbst produzieren und weltweit veröffentlichen. Die technische Qualität und KI-Nutzung ist enorm flexibel und kreativ. Aber: Die Magie analoger Studios und die Unschuld der Achtziger fehlen manchmal. Technisch sind wir meilenweit voraus aber vieles klingt unglaublich austauschbar und glatt gebügelt. Wer kennt heutzutage noch Platz 1 der Charts, geschweige Künstler, die gerade im Radio laufen, wenn sie nicht 100-mal am Tag dort laufen? Die Achtziger hatten Seele, Imperfektion, Risiko. Heute optimieren viele für Algorithmen, statt fürs Gefühl.

O: Besonders berührend und auch inspirierend ist „Seek Your Own“. Inwiefern steckt da auch viel Persönliches dahinter? Wie ging oder geht es euch bei der Suche nach euch selbst?

CU: „Seek Your Own“ steckt voller Persönlichem, es spiegelt unsere eigenen Kämpfe mit Identität, Kreativität und dem Druck, authentisch zu bleiben. Die Suche nach sich selbst war für uns nie linear, sondern ein ständiges Ringen zwischen Zweifel und Klarheit. Genau das wollten wir einfangen: Musik, die sagt, dass es okay ist, verloren zu gehen, solange man weitersucht. Das auch im Zusammenhang mit dem erneuten Splitt von X-Perience, das waren sehr intensive, eigentlich sehr gute fünf Jahre.

BW: Für uns als Musiker und Kreative bedeutet das, den eigenen Sound zu finden, ohne dem Trends nachzulaufen. Die Achtziger-Ästhetik und Melancholie auf dem Album ist keine Nostalgie, sondern das, was uns immer bewegt hat, unser Weg in verrückten Zeiten. Jeder kennt diese Suche, sei es beruflich, privat oder kreativ. „Seek Your Own“ sagt: Es ist okay, wenn’s schmerzt, wenn’s unklar ist. Der Weg macht dich aus, nicht das Ziel.

O: Auch die positive Botschaft von „Grateful“ ist schön. Warum war euch das auch ein Anliegen?

CU: „Grateful“ war für uns essenziell, ein froher, glücklicher Moment, um dann später die emotionale Spannweite des Albums zu zeigen. Auch Glück gehört dazu. Während Tracks wie „No Second“ oder „Devotion“ in Melancholie und Dunkelheit tauchen, ist „Grateful“ ein Moment der Klarheit, ein Hinweis an kleine, echte Momente der Dankbarkeit inmitten von vielem Grau. Der Song entstand in einer Phase, in der wir selbst dankbar waren, und zwar bevor wir das Album überhaupt gedacht hatten, für die Studiozeit in der Orankestraße, die Fans, die uns seit Jahren treu sind und die Freiheit, solche Musik zu machen. Ein Song, der nach „80s Forever“ entstand und uns ermutigte, mehr zu schreiben. Es ist keine heile Welt, sondern echte Wertschätzung für das, was bleibt, wenn alles wackelt.

BW: Ja einer der letzten Produktionen in meinem Studio, wo ich knapp 25 Jahre Musik produzieren konnte. Irgendwie cool, einen neuen Schritt zu wagen. Aber auch schön zu sehen, dass es im neuen Studio kreativ und Soundtechnisch genauso gut weiterging und noch optimaler funktioniert.

O: Was macht ihr, wenn es euch mal nicht gut geht?

CU: Ich gehe sehr gern spazieren, meistens im Wald bei mir hinterm Haus, nehme ein Bad, mache Yoga oder lese ein Buch. Das entspannt mich immer sehr. Ich nehme mir oft Zeit für mich. Ich brauche es allein zu sein, es gibt mir Kraft.

BW: Ich gehe gern Joggen, für den Kopf und das Gleichgewicht. Ist es nur halb so schlimm (zwinkert) … ich höre andere Musik, andere Künstler, lese oder schaue Videos aller verschiedener Stile, um mich inspirieren zu lassen. Um die Ecke denken, Training und positive Ablenkung.

O: An welche guten Tage erinnert ihr euch am liebsten?

CU: An Tage im Studio, wenn ein neuer Song entstanden ist. Wenn gute Ideen einen beflügeln und man wirklich glücklich ist über kleine Dinge, die einen weiterbringen.

BW: Abgeschlossene Produktionen. Wie kleine Puzzle von drei Minuten Gefühlen und Abschnitten, die man in Musik gegossen hat. Immer wieder wirklich cool. Auch mit einer CD in der Hand immer noch intensiv. Das haptische Feedback vieler Stunden Arbeit ist einfach ein Mega Gefühl.

O: Was zaubert euch immer ein Lächeln ins Gesicht?

CU: Die Sonne, die Natur, meine Kinder, manchmal auch ein schöner Film oder Musik oder ein leckeres Essen.
BW: ganz viele Dinge. Gute Musik, gute Produktionen, tolle Stimmen, gutes Essen und guter Wein, Monty Python, das Wetter und das Meer. Ich lache aber auch oft über andere, darf man das sagen? (lacht)

O: Wie sehen die weiteren Zukunftspläne für Angelzoom aus?

CU: Gerne eine Live-Tour und Festival-Auftritte in 2027 und natürlich weitere Angelzoom-Alben. (lächelt) Wir sammeln schon neue Ideen und Skizzen, mal schauen.

Bernd: Klar, wir sind in Planung mit Live-Aufritten für 2027 in Deutschland und einer kleinen Tour 2028. Es gibt sehr viele Anfragen aus dem Ausland, die wir erst einmal sinnvoll koordinieren müssen. Aber sicher auch ein weiteres Album, das ist fest eingeplant. Danke!

Claudia Zinn-Zinnenburg

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